Flanieren im Schweinesystem

Hier spricht Stanley Schmidt. Guten Tag!

Am 31. 05. 2013, als noch Finanzkrise war, ging ich aus der kostspieligen Bahnhofstoilette am Gleis 9 des Frankfurter Hauptbahnhofes die Treppen hinauf und wunderte mich über das Toilettensystem, was mir, wie so einige andere Systeme auch, unsinnig erschien. Man zahlt einen Euro und bekommt dafür einen Gutschein über 50 Cent, der wiederum bei einem Einkauf von über 2,50 € in einem von dem mit dem Toilettenbetreiber befreundeten Reisebedarfshandlungen eingelöst werden kann. So ähnlich steht es zumindest auf der Innenseite der Toilettentür; den Gutschein hatte ich allerdings unwissend an der Einlassschleuse vergessen.
Nach verschiedensten erfolglosen Bewegungen vor der Spüllichtschranke, hatte ich schnell das Toilettenzimmer verlassen und gehofft, dass die Spülung doch noch und zwar selbstständig reagieren würde, damit die zahlungsfreudige Nachwelt den Raum ansatzweise so wie ich vorfinden könnte. Wiederum gescheitert an der Wasserhahnlichtschranke, hatte ich mir mit einem erfahrenen, älteren Herren den Hahn zum Händewaschen geteilt.
Als ich nun also die Stufen aus dem Toilettenareal hinaufstieg, kamen mir zwei nackte Beine entgegen. Höher blickend durfte ich erkennen, dass die Person so aussah, als trüge sie lediglich ein T-shirt und eine Lederjacke mit herausstehenden Nieten auf den Schultern.
Noch höher… Es war mein alter Kollege Axel.
Wenig verwundert, dass wir uns ausgerechnet in einer uns beiden fremden Stadt auf den Stufen zum Bahnhofsklo trafen, fragte ich ihn sofort, wo seine Hose sei, woraufhin er sein T-shirt hochzog und mir zu erkennen gab, dass er sehr wohl eine Hose trug, nur nicht von sonderlicher Länge. Schnell fügte er noch hinzu, dass er gerade auf einer Fete in einer feschen Diskothek aufgelegt hätte und gleich auf dem Weg nach Berlin sei.
Es war 12:45 mittags – und ich wollte mir eine Demonstration anschauen und zwar als staatlich anerkannter Linksmotivierter – kapitalismuskritisch, an diesem Tag.
Einen Akteneintrag als Linksmotivierter hatte ich bekommen, weil ich mit einem Freundneben einer NPD Veranstaltung etwas zu laut Musik gehört hatte – so laut dass sich weder die NPD, noch wir die werktätigen Polizisten der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit verstehen konnten, die dann technisch und zwischenmenschlich nicht sonderlich versiert, probiert hatten, die Musik leiser zu stellen. Das Gericht hatte dann entschieden, dass so etwas (gemeint ist natürlich das unangemeldete, zu laute Spielen von Musik ) nicht so einfach zu bestrafen sei und uns gegen die Anzeige der Polizei freigesprochen. Was geblieben war, war der genannte Akteneintrag, der mich in der staatlichen Unbeliebtheitsskala auf eine Stufe mit den allseits unbeliebten Neonazis stellte. Nun beschloss ich, meine frisch erwachsene Kritik an systemimmanenten Toiletteneinrichtungen zukünftig, an passender Stelle und spontan in mein linksmotiviertes Denken und Handeln einfliessen zu lassen.
Davon und von meinem Demonstrationsvorhaben erzählte ich dem Kollegen, der nach seiner intensiven Nachtschicht nicht mehr unbedingt ein Meister der Kommunikation war.
Dennoch erklärte er mir, dass angemeldetes Demonstrieren »nicht sein Ding« sei. Es flögen doch eh nur alberne Farbbeutel und bestenfalls Steine, die eine gesellschaftliche Empörung und juristische Konsequenzen mit sich brächten, als hätte der Zentralrat der Sinti und Roma einen Atomraketentest in der Goethe-Stadt Weimar durchgeführt …
Lieber Frontex, Fahrkartenautomaten, Bundeswehrwerbung, Xavier Naidoo, Ausländerbehörden, Stromverteilerkästen und Eckhard Jesse demolieren und zwar unangemeldet, riet er mir, umarmte mich und ließ mich grübelnd meinen Weg fortsetzen.
Für solch sonderbare Strategien war es jetzt eindeutig zu spät, außerdem war die Demonstration bereits angekündigt sowie angemeldet und die Ankündiger und Anmelder hatten erfolgreich gegen ein Verbot der Route, vorbei an der Europäischen Zentralbank geklagt.
Ich setzte also meinen friedlichen Weg zur angemeldeten Demonstration fort. Am Horizont einer Nebenstrasse konnte ich zu meiner Überraschung bereits den sich in Bewegung setzenden Demonstrationszug erkennen – aus mir unerklärlichen Gründen war ich mal wieder viel zu spät. Mit einer kurzen Joggingeinlage wollte ich meine Verspätung einholen und rannte ein paar Querstraßen weiter… zu weit und zu schnell. Ich stand nun vor der Demonstration, welche von einem querfeministischen Blöckchen angeführt wurde. Ich solle irgendwo weiter hinten rein, erklärte mensch mir.
Avantgarde zu sein finde ich ja erstmal eine tolle Sache, doch da ich bei dieser nicht mitmachen durfte, musste ich wohl zur danach kommenden Garde gehen und schauen, ob die mich so unangemeldet haben wollte.
Ein bunt gekleideter, fröhlicher Haufen war das, der durch interessante Musik von einem LKW aus begleitet wurde. »Rebel with a cause« oder »Etwas besseres als die Nation«, stand zum Beispiel auf ihren Werbebannern. Bei diesen englischsprachigen Stadtmusikanten wollte ich gerne einmal mitlaufen und gemeinsam, sowie aus voller Kehle Gedichte für etwas besseres als die Nation aufsagen. Ich schummelte mich also unter sonderbaren Blicken in die lockeren Reihen. Anscheinend war ich auch hier nicht angemeldet. »Dass diese Deutschen auch immer alles anmelden müssen« : sagte ich einem Demonstranten, der mich danach noch sonderbarer anblickte.
Bereits nach wenigen Metern fröhlichen Demonstrierens stellte sich eine exorbitant große Formation aus behelmten Polizisten in den Weg des Demonstrationszuges und spaltete die querfeministische Avantgarde ab, sodaß sie ganz unbeachtet alleine standen und wir mit gefühlten 10.000 Menschen dahinter. Die Polizei spritzte ein wenig mit Chemiewaffen um sich, verteilte ein par mehr und weniger sanfte Schläge und bildete um ca. 1000 Menschen einen Kessel. Ausgerechnet um den Teil in dem ich verweilte und für die nächsten 7 Stunden verweilen sollte.
Anscheinend war kritisches Systemdesign in Frankfurt nicht sonderlich erwünscht – und schon gar nicht in der Nähe der europäischen Zentralbank.
Da stand ich nun umringt von regenschirmtragenden, bunt gekleideten, Gedichte aufsagenden Demonstranten, die mir immer noch recht sympathisch waren, auch wenn sie damit anfingen mit bunter Farbe gefüllte Flaschen neben sich abzustellen, bengalische Stäbchen abzubrennen und außerdem eine Schildkrötenformation mit Hilfe von Styroporschildern aufzubauen. Diese Schilder sollten später von flinken Polizistenhänden in tausend Stücke zerbröselt werden. Das sich mir ergebene Gesamtbild war eher hippyesque als gefährlichmilitant. Zudem hörte ich griechische, englische, französische aber vor allem italienische Sprachfetzen aus der eingeengten Protestkultur heraus; ich war mal wieder Teil eines richtigen europäischen Happenings. Um so trauriger, dass diese Form der paneuropäischen Verständigung schon Grund für solch ein militantes Vorgehen der Staatsmacht zu sein schien. Um so trauriger auch die Durchsage eines Frankfurter Polizisten, der das Verbot des Verbrennens von »Büroteschnik« verkündete – wenn denn wenigstens das mal wer machen würde.

Langeweile!
Wie töricht von der Politik und der Polizei dachte ich mir noch – denen da oben und jenen da unten. Doch plötzlich war alles anders, die Politik oder sagen wir mal Landtagsabgeordnete der Linkspartei und Grünen standen vor unserem Kessel und bildeten eine Sitzblockade. Irgendwie spannend; und wo war eigentlich Thierse und der andere Typ mit dem Fahrrad? Nicht da. Und so wurden die Abgeordneten nach einigen Minuten Verhandelns durch die Polizei hinfortgetragen. »This is what democracy looks like« riefen nun die um mich Stehenden. Mein sympathischer Nachbar ergänzte mit einem Nachruf: »This is what Gewaltenteilung looks like« . Ich war über diese Eventualpoesie kurzzeitig, hellauf begeistert und dachte an die Worte des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Max Reimann:
»Wir unterschreiben nicht. Es wird jedoch der Tag kommen, da wir Kommunisten dieses Grundgesetz gegen die verteidigen werden, die es angenommen haben!«
Jetzt wurden uns erstmal zwei Dixitoiletten von einem Toilettenlieferservice gebracht, damit wir auch schön unsere Geschäfte verrichten konnten während wir eingekesselt waren. Leider schien eine Sabotage dieser systemimmanenten Toiletten unmöglich, war der Bedarf doch weitaus größer als das Angebot. Es bildeten sich ordentliche Schlangen vor den zwei Toilettenhäuschen und ich sinnierte darüber, in was für einer paradoxen Situation ich mich hier und überhaupt befand und ging nicht auf das Klo. Bis auch ich nach einigen Stunden von zwei erstaunlich sanften Polizisten aus dem Kessel gezupft wurde, dachte ich noch an andere Sachen. Ich fragte mich zum Beispiel warum Beate Zschäpe so eine unglaubliche Ähnlichkeit zu dem Bild der Mona Lisa hat – es war wirklich Zeit, dass ich aus diesem Kessel kam, nach Hause, zu fließend Wasser, warmen Getränken und meinen schönen Bildern an der Wand.
Eigentlich könnte die Geschichte jetzt zu Ende sein, doch spätestens seit Francis Fukuyamas Versuch eben dieses zu verkünden, wissen wir ja, dass es kein Ende geben wird – deswegen lieber an ALF orientieren:

»Nichts ist vorbei, bevor es vorüber ist !«

In diesem Sinne:
Guten Tag !
Ende der Durchsage

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