Es wird Herbst im Ignorantenstadl

Ox Y. Moron wirft einen Blick auf die nächste Auflage eines der größten regelmäßigen Naziaufmärsche in Thüringen. Zum Volkstrauertag am 16. November 2014 jährt sich das „Heldengedenken“ in Friedrichroda zum 12. Mal.

Friedrichroda ist eine beschauliche Kleinstadt in Westthüringen mit etwa 7.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, idyllisch gelegen am Nordrand des Thüringer Waldes. Wer sich hier her verirrt ist vermutlich auf der Durchreise oder einfach Tourist. Im Luftkurort gibt es allerlei Möglichkeiten zum Aktivurlaub. Im Jahr 2011 eröffnete in Friedrichroda sogar das deutschlandweit erste Informationszentrum für „Spirituellen Tourismus“, für Reisen mit religiösem Hintergrund. Wer sich etwas in der Stadt bewegt, wird den Gedanken nicht los, dass die Zeit hier etwas langsamer läuft, die Eingeborenen etwas eigener und behäbiger unterwegs sind als etwa im 15 km entfernten Gotha. Es ist ein typisches dörfliches Flair, eine Mischung aus Gemächlichkeit, Blutsurenge und Argwohn gegenüber Fremden, denen man kein touristisches Bedürfnis abnimmt. In Friedrichroda, so scheint es, ist man gern unter sich und will von den Problemen der Welt lieber nichts wissen. Logisch, dass in solch einem Klima aufklärerisches Denken abgemeldet ist. Das zeigt sich selten deutlicher als beim alljährlichen Nazifackelmarsch am Volkstrauertag.

12 Jahre Naziaufmarsch

Seit 2003 findet dieser Aufmarsch, der im Nazijargon „Heldengedenken“ heißt, in den Abendstunden des Volkstrauertages in Friedrichroda statt und hat sich über die Jahren zu einem der größten regelmäßigen Naziaufmärsche in Thüringen entwickelt. Bis zu 150 Neonazis pilgerten jährlichen nach Friedrichroda um im kleinstädtischen Idyll die deutschen Vernichtungstruppen hochleben zu lassen. Auch wenn die Teilnehmerzahl im letzten Jahr schwächelte und die NPD gleich nach Eisfeld, auf die andere Seite des Rennsteigs, auswich, die Nazis fühlen sich pudelwohl in Friedrichroda. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung des Friedrichrodaer Naziaufmarsches zu einem regelmäßigen Event hat die Bevölkerung der Stadt, ihre gewählten Verantwortlichen sowie die öffentliche Berichterstattung. Der Aufmarsch wurde über Jahre von allen Beteiligten bestenfalls ignoriert. Stadtrat, Bürgermeister und Lokalpresse hielten dieses Vorgehen im Interesse des Standorts für das vernünftigste. Auch als im Jahr 2005 am Rande des Aufmarsches eine Antifaschistin brutal von mehreren Arnstädter Nazis zusammengeschlagen wurde, hat sich an dieser Einstellung nichts geändert. Geändert hat sich über die Jahre die Organisation des Aufmarsches. Während dieser zunächst vom Friedrichrodaer Neonazi Michael Burkert und aus der Kameradschaftsszene organisiert wurde, hat nach und nach die NPD mit ihrem Gothaer Kreisvorsitzenden Sebastian Reiche die Organisation übernommen. Bis zum Jahr 2013. Nachdem es lange Zeit so aussah, als hätte die NPD mit dem Friedrichrodaer „Heldengedenken“ abgeschlossen und die Partei ihren zentralen Aufmarschort sogar nach Eisfeld verlegte – wo nebenbei bemerkt, mehrere hundert Menschen dagegen protestierten – wurde die Organisation des Aufmarsches wieder durch die Kameradschaftsszene übernommen. Auch 2014 wird bisher maßgeblich aus diesem Milieu für den Aufmarsch geworben.

Antifaschistischer Widerstand

Im Jahr 2009 gab es zum ersten Mal organisierte antifaschistische Proteste in Friedrichroda. Die öffentliche Berichterstattung und Auseinandersetzung überschritt deswegen nicht wesentlich die Dimensionen der Vorjahre. Wie die Stadt jahrelang den Naziaufmarsch ignorierte, wollte sie auch die Proteste dagegen aussitzen. Erst im Jahr 2013 sollte sich die Strategie der Ignoranz von Politik und Öffentlichkeit ändern. Im Vorfeld des jährlichen Aufmarsches verlieh das Antifa-Bündnis Gotha im Rahmen einer Kundgebung der Stadt Friedrichroda am 6. November 2013 den goldenen Scheißhaufen, einen Preis für für „10 Jahre Ignoranz und Akzeptanz von Naziaufmärschen, NS-Verharmlosung und Menschenhass“ (siehe Foto auf Lirabelle # 3). Das Echo darauf war ambivalent, während Lokalpolitik und Bürgermeister empört waren über die Aktion der rufmordenden Antifa, zeigte sich v.a. auf sozialen Netzwerken, dass es durchaus mehr als eine Handvoll Friedrichrodaer gibt, die für das Vorgehen der Antifa Sympathie hegten und denen die Jahre der Ignoranz bitter aufstießen. An der Antifa-Demo gegen Volkstrauertag und Naziaufmarsch beteiligten sich trotzdem nur wenige von ihnen. Den vollmundigen Ankündigungen zum Trotz, steht die Antifa in Friedrichroda allein auf weiter Flur. Dass sich das 2014 ändern wird, ist nicht absehbar.

Heimatschutz light – Eine Stadt und ihre Nazis

Die Situation in Friedrichroda ist eine besondere. Eine gegen Nazis engagierte Zivilgesellschaft gibt es in der Kleinstadt faktisch ebenso wenig, wie eine kritische öffentliche Berichterstattung durch die lokalen Medien. Lediglich im Jahr 2012 fand sich auf dem REWE-Parkplatz, nahe dem Auftaktort der Nazis, eine bibelfeste Gesangsgruppe, geleitet vom Pfarrer des Nachbarortes, ein, die ihr Singstündchen vermutlich als Zeichen des Protestes gegen den Aufmarsch verstand. Genaueres ist nicht bekannt, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gesangskreises weigerten sich beharrlich, mit den Antifas in Kontakt zu treten und schlossen die Reihen nach jedem Annäherungsversuch um so fester.
Damit steht die autonome Antifa in Friedrichroda vor einer doppelten Aufgabe. Sie muss einerseits, was ihr in anderen Städten und Dörfern längst von der Zivilgesellschaft abgenommen wurde, die Aufmärsche der Nazis und die Ignoranz der Verantwortlichen problematisieren und sie muss andererseits den Blick auf die gesellschaftlichen Ursachen von Naziideologie lenken. Die Erfahrung zeigt, dass es schwer fällt den zweiten Schritt ohne den ersten zu tun. Anders gesagt: Wer Aufmärsche von Neonazis nicht problematisch findet, wird sich in der Regel nicht für die gesellschaftlichen Ursachen interessieren, geschweige denn die Gesellschaft, die die Nazis hervorbringt, abschaffen wollen. Ebenso beinhaltet der erste Schritt nicht automatisch den zweiten, kann aber trotzdem schon einen Fortschritt bedeuten: Leute, die Nazis und ihre Aufmärsche problematisieren, finden dafür unterschiedlichste Gründe und selbst die Verantwortlichen der Stadt Friedrichroda haben im vergangenen Jahr dem Druck des Antifa-Bündnisses nachgegeben und ihr eisernes Gebot des Verschweigens gebrochen. Von einem Fortschritt kann trotzdem keine Rede sein.
Am 29. Oktober 2013, also knapp drei Wochen vor dem Volkstrauertag, verabschiedete der Stadtrat eine Resolution „gegen verfassungsfeindliche Aufmärsche in Friedrichroda“.1 Den Zorn der Stadtväter erregte vor allem die Antifa, denn an den über Jahre protestfrei ablaufenden Naziaufmärschen, störte man sich bekanntlich nie. Die Stadtratsresolution ist vielsagend, aber dient sicher nicht der Aufklärung über das Problem, sondern dessen Bewältigung im schlechtesten aller Sinne. Die Stadt und ihr Parlament versucht sich in der Abwehr der Nestbeschmutzer und macht dabei keinen Unterschied, zwischen der Fraktion, die nach Friedrichroda reist, um die deutschen Vernichtungstruppen zu verherrlichen und der Fraktion, die dagegen Widerstand organisiert. Weder rechten noch linken „Aufmarschtourismus“ wünsche man sich, denn beides schade „dem Image unseres Urlaubsortes erheblich“. Damit ist auch klar, warum die Stadt in den ersten Jahren keine öffentlich verlautbarten Probleme mit dem Aufmarsch hatte. Immerhin war der Anmelder, nämlich der Friedrichrodaer Bäckermeister Michael Burkert, einer von ihnen und im Ort „fest verankert“, wie es in der Resolution heißt und eben kein „Aufmarschtourist“. NS-Verharmlosung und Menschenhass in Friedrichroda also bitte nur, wenn sie von Einheimischen vorgebracht werden und so, dass das Image des Kurorts unbeschädigt bleibt.2
Die Resolution des Stadtrates stand voll im Zeichen von Ignoranz und Verharmlosung und wer so was im Land der Geläuterten und Wiedergutgewordenen ohne Reibungsverluste bekräftigen will, der bedient sich hierzulande der Extremismusdoktrin. Böse (rechte und linke) Ränder, gute (demokratische) Mitte – so einfach ist die Welt und um jeden Zweifel zu beseitigen, lud man sich im Nachgang des Aufmarsches den Thüringer Verfassungsschutz zum Gespräch über Extremismus in Thüringen zur öffentlichen Stadtratssitzung ein. Am 6. Februar 2014 referierte „Thomas Schulz“ im Auftrag der best ausfinanzierten Thüringer Kameradschaft und Unterstützerin der NSU-Mörderbande über dieses und jenes und wusste das Ressentiment gegen die Gewalttäter von beiden Seiten zu rechtfertigen. Ungestört blieb er dabei nicht, das Antifa-Bündnis Gotha störte die Veranstaltung und verlas, bevor der Schlapphut das Wort ergriff, im Saal ihre Kritik an der Veranstaltung und am eingeladenen Referenten.3

Kritik der deutschen Gedenkpolitik

Während die Lokalpolitik zwischen den ideologischen Nachfahren von Mördern und deren politischen Gegnern keinen Unterschied erkennen will, ging es der Antifa von Beginn an darum, ein differenziertes Verhältnis zwischen dem Treiben der Neonazis in Friedrichroda und den allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen zu vermitteln, die dieses Treiben möglich machten. In der konkreten Situation des Volkstrauertages bedeutete das, auf das gemeinsame Anliegen von Nazis und deutscher Gedenkpolitik aufmerksam zu machen. Der Volkstrauertag steht wie kein anderer Gedenktag im Zeichen des offensiv betriebenen Vergessens der deutschen Verbrechen. Zum Volkstrauertag soll ausdrücklich der „Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen“ gedacht werden. Daran kritisiert das Antifa-Bündnis im Aufruf des vergangenen Jahres:
Jeder spezifische historische Charakter jener „Gewaltherrschaft[en]“, die durchaus inzwischen auch den Staatskapitalismus der DDR einschließt, geht in einem solchen Gedenken verloren. Die deutschen Täter, die Millionen Menschen ausrotteten, stehen in einer Reihe mit den Mauertoten, den gefallenen Alliierten und den Opfern der Deutschen. Ein solches nivellierendes, also zwischen Opfern und Tätern nicht mehr unterscheidendes, Gedenken im Land der Täter ist für die politische Linke und für alle Menschen problematisch, die dafür eintreten, dass die Bedingungen der deutschen Barbarei, die Bedingungen des eliminatorischen Antisemitismus in diesem Land und weltweit beseitigt werden. Die gleichmachende deutsche Gedenkpolitik zum Volkstrauertag ist Ausdruck eines Bewusstseins, das die wirkliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus ablehnt, verdrängt bzw. diesen überhaupt vergessen machen will. […] Eine solche Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit hätte u.a. die Kontinuität jener Bedingungen, die nach Auschwitz führten und die bis in die Gegenwart fortdauern, zu thematisieren und zum Gegenstand politischer Kämpfe zu machen. Im Sinne eines solchen antifaschistischen Kampfes ist ein Gedenken an die deutschen Täter nicht hinnehmbar.
Dass die Nazis also den Volkstrauertag gewissermaßen als ihren Gedenktag verstehen, überrascht keineswegs und ist alles andere als eine Instrumentalisierung, wie die bürgerlichen Geschichtsrevisionisten das gern hätten. Sie betreiben den deutschen Opfermythos nur viel offener und unverfrorener als die gewöhnliche deutsche Gedenkpolitik. Während die Lieberknechts, Matschies und deren lokalpolitische Pendants für Frieden und Versöhnung mahnen, rufen die Nazis in Friedrichroda lieber symbolisch und in einer unheimlichen Zeremonie die Geister der gefallenen Soldaten des Heeres, der Kriegsmarine, der Luftwaffe, der Waffen-SS und des Volkssturms in ihre Reihen zurück. Während es der gewöhnlichen deutschen Gedenkpolitik darum geht, die Geschichte hinter sich zu lassen und aus ihr bestenfalls noch Kapital für neue Ungeheuerlichkeiten zu schlagen, geht es den Nazis um die vollständige Rehabilitierung der deutschen Vernichtungstruppen. Beides ist auf unterschiedliche Weise widerlich und ein Themenfeld für die Antifa. Auch 2014.

Informationen zu Gegenaktivitäten gegen den diesjährigen Aufmarsch und die alltäglichen Zumutungen würde ich auf folgenden Seiten suchen:
http://www.volkstrauertag-abschaffen.tk
http://www.aagth.afaction.info
http://www.agst.afaction.info

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1
In Gänze nachzulesen hier: http://bit.ly/1qdtZlX

2
Eine ausführlichere Kritik am Stadtratsbeschluss der Stadt Friedrichroda findet sich im Redebeitrag der Antifa Gotha aus dem Jahr 2013: http://bit.ly/1lLStNX

3
Vgl. http://bit.ly/V916ei

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