„Wir wollen in Ruhe und mit euch zusammen in Deutschland ein normales Leben führen.“*

Wie ein normales Leben inmitten des Bestehenden überhaupt möglich sein kann oder aussieht, darum soll es in diesem Artikel nicht gehen. Stattdessen geht es darum aufmerksam zu machen, auf unsere Genoss*innen der Initiative Roma Thüringen.
Die Autorin Lulu Roña sprach mit Aktivist*innen der Initiative Roma Thüringen und nahm an verschiedenen Aktionen teil. Sie bleibt damit in einer Stellvertretungsperspektive und außenstehend.

„Nehmt uns ernst!“

Roman*ja und Unterstützer*innen riefen am 20. Mai 2014 auf, gegen die momentanen Gesetzesentwürfe und Abkommen der Bundesregierung zu Asylbestimmungen zu demonstrieren. Etwa 80 bis 100 Menschen waren da und trugen die Message auf die Straße. Diese Demonstration war eine der jüngsten Aktivitäten der Initiative Roma Thüringen.
Doch wer sind die Menschen der Initiative Roma Thüringen? Vlajko, einer der Veranstalter*innen: „Wir sind Roma. Wir sind Asylsuchende, doch dieses Asyl wird uns verwehrt. Wir fordern, dass wir in Deutschland leben dürfen!“
Die Initiative Roma Thüringen hat sich im Sommer 2013 gegründet. Suzanna, eine Aktivistin, fuhr zur Frauenflüchtlingskonferenz 2013. Sie kam zurück mit der Feststellung, dass Roman*ja dort nicht repräsentiert waren und sie initiierte eine Gruppe, die die Interessen der Roman*ja vertritt.
„We are Roma, refugees from Serbia, Makedonia… Living now in refugee lagers in different regions of Thuringia. After consultations with Roma communities from Erfurt, Waltershausen and Gera we founded on June 8th, 2013 the ‚Roma Initiative Thüringen‘. After initial demonstrations, this is now the first step to go public.”1 In vielen Aussagen und Redebeiträgen auf der Demo werden Forderungen deutlich, als Menschen anerkannt zu werden und auch Appelle an alle Menschen, rassistische und antiziganistische Stereotype abzulegen.
Die Intention, die auf facebook.de/roma.thuringen und alle-bleiben.info beschrieben wird, ist eine gesellschaftspolitische Debatte über die Ausgrenzung von Roman*ja – früher und heute – anzustoßen. Forderungen sind: Reguläre Asylverfahren für alle Roman*ja!, Abschiebestopp und keine erzwungene freiwillige Ausreise, ein Leben ohne Verfolgung und Diskriminierung, Abschaffung der Residenzpflicht für alle!, Raus aus den Lagern! Wohnungen mit Privatsphäre für alle! Gleicher Zugang zu Bildung und Recht auf Arbeit und freier Zugang zu medizinischer Versorgung.
Solidarität ist ebenso ein Wort, welches sich immer wieder findet: Solidarität mit der Break Isolation Bewegung, Solidarisierung mit allen Geflüchteten, mit den politischen Gefangenen, mit abgeschobenen Menschen, Solidarität untereinander.
Das, was in Plena positiv beschrieben wird, ist der Prozess gemeinsam politische Arbeit zu machen. Über unterschiedliche Herkünfte und Nationalitäten und Religionszugehörigkeiten hinweg setzen sich regelmäßig Menschen zusammen, die in verschiedensten Sprachen in Austausch darüber treten, wie sie ihren Forderungen Gehör verschaffen können. Dabei bleibt es nicht beim Sprechen, es werden Demonstrationen organisiert, offene Briefe verfasst und auch Gespräche mit Institutionen gesucht, die bisher vor alledem Augen und Ohren verschließen. Ein Beispiel ist die mangelnde Berichterstattung in Medien. Ein Besuch bei Regionalzeitungen wird geplant.
In Deutschland leben ca. 150 000 bis 250 000 Roman*ja, davon ca. 70 000 mit deutschem Pass. Marko D. Knudsen, aktiv u.a. im Europäischen Zentrum für Antiziganismusforschung, beschreibt Roman*ja als ein Volk, welches jedoch keine gemeinsame Identität hat. Das verbindende ist der Antiziganismus, der diese Gruppe mitkonstruiert und gleichzeitig führen Verfolgung und Diskriminierung dazu, dass die Identifizierung als Roman*ja verunmöglicht wird. Romanes ist die gemeinsame Sprache und es gibt eine gemeinsame Geschichte.

„Um Europa keine Mauer – Bleiberecht für alle und auf Dauer!“

Die Herkunftsländer der Menschen, die sich in der Roman*ja Vernetzung zusammengeschlossen haben, sind die Balkanstaaten – Mazedonien, Serbien, Kosovo und Bosnien-Herzegowina. In allen Ländern sind sie offiziell gleichgestellt, doch erfahren Diskriminierungen und sind gesellschaftlich, wie auch ökonomisch marginalisiert. In den Ländern, die sie als ihre Heimatländer beschreiben, sind sie benachteiligt in Bezug auf Bildungschancen, Zugang zu Arbeit, Sozialleistungen und medizinische Versorgung. „Ich liebe mein Land, weil ich da aufgewachsen bin.“ sagt ein Aktivist auf der Demonstration vom 20. Mai 2014. Doch sehen sie keine andere Möglichkeit als wegzugehen und in Deutschland zu versuchen, ein besseres Leben zu finden. Doch in Deutschland finden sie sich ebenso alltäglicher Diskriminierung ausgesetzt. Die Mauer verläuft nicht nur um Europa, sondern ebenso innerhalb Europas. Nach deutschem Recht haben Roman*ja keinen Anspruch und real auch keine Aussicht auf ein „erfolgreiches“ Asylverfahren, da sie nicht als politisch Verfolgte zählen und die Diskriminierung, die Roman*ja auf Grund ihres „Roma-Seins“ erfahren, offiziell nicht existiert. Das Bundeskabinett der BRD hat erst im Mai diesen Jahres über einen Gesetzesentwurf beraten, der Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien als sichere Herkunftsländer einstuft. Diese Einschätzung der Lage in den Ländern ist verharmlosend. Berichte von Betroffenen sprechen eine andere Sprache und auch eine Juristin geht davon aus, dass diese Einschätzungen geschönt sind.

„…ein Leben ohne Verfolgung und Diskriminierung…“

Der Diskurs etablierter Politiker*innen aus den Parteien, die sich in der demokratischen Mitte sehen, schüren seit Monaten öffentlichkeitswirksam einen Diskurs, der an bereits vorhandene Ressentiments und ablehnende Haltungen der Deutschen anknüpft. Hier in Erfurt sind Roman*ja alltäglich Bedrohungen und Beschimpfungen durch normale deutsche Bürger*innen ausgesetzt. Die Ausländerbehörde verweigert lebenswichtige medizinische Behandlungen oder gewährt diese viel zu spät. Bei Zahnärzt*innen ist in den nächsten Monaten kein Termin frei, die Polizei erfüllt nur ihre Pflicht, wenn sie Menschen abschiebt und auch andere Institutionen schauen zu oder weg. Bei einer Abschiebung am 08. April 2014 in Erfurt wurde Elvira von Polizist*innen in ihrer Wohnung „besucht“, hatte eine Stunde Zeit ihre Sachen zu packen, während ihre zwei Töchter schon im Auto saßen. Elmedina und Riana wurden von Polizist*innen direkt aus der Schule abtransportiert. Die Lehrer*innen der Schule, in die die Mädchen gingen, schauten zu und widersprachen nicht. Elvira, Elmedina und Riana wurden abgeschoben, müssen nun gegen ihren formulierten Wunsch, in Deutschland zu bleiben, in Mazedonien leben.

„Dass wir hier stehen heißt, dass der Nationalsozialismus und unsere Ausrottung, wie sie die Nazis vorhatten, fehlgeschlagen ist.“

Am 19. April 2014 hat ein Ausflug der Initiative Roma Thüringen ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald stattgefunden. Während des Nationalsozialismus wurden 220.000 bis 500.000 Sinti*ze und Roman*ja vernichtet. 25.000 kamen davon aus Deutschland und Österreich (bei einer Gesamtzahl von 40.000). Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte war ein großer Wunsch. In Buchenwald wurden bis 1941 und zwischen 1944 und 1945 Sinti*ze und Roman*ja gefangengehalten. In der Zwischenzeit war Mauthausen Ziel der Deportation von Sinti*ze und Roman*ja. In der Gedenkstätte Buchenwald gibt es eine Tafel, ein Mahnmal, welches an diese Gruppen erinnert – an den Blöcken 14 und 15, dort wo sie untergebracht waren. Roman*ja wurden zwar bereits vor dem Nationalsozialismus als rassisch minderwertig konstruiert, doch diese Konstruktion wurde nicht nur von den Nazis nochmals verschärft und durchgesetzt. Auch andere diskriminierte und inhaftierte Gruppen nutzten diese, um sich abzugrenzen. Dies erschwerte das Dasein im Konzentrationslager zusätzlich. Viele Sinti*ze und Roman*ja mussten durch rassistische Zuschreibungen mit weniger Essen und unter schlechteren hygienischen Bedingungen leben. Unter diesen Umständen und schwerster körperlicher Zwangsarbeit starben viele bereits in den ersten Wochen.

In der Nachkriegszeit galt die Vernichtung der Sinti*ze und Roman*ja nicht als Völkermord, somit wurden den Überlebenden Entschädigungen, Hilfen und Anerkennung als Opfer verweigert. Die deutsche Staatsangehörigkeit, die ihnen die Nazis entzogen, wurde ihnen zunächst nicht zurückgegeben. 1956 beschloss der Bundesgerichtshof, dass es sich nicht um eine rassistische Verfolgung gehandelt habe, weil Sinti und Roma Kriminelle seien und Eigentum nicht anerkennen. In seinem Urteil verglich das deutsche Gericht sie mit primitiven Untermenschen.
Ende der 1970er organisierten Sinti*ze und Roman*ja sich und gründeten eigene Verbände, die durch Öffentlichkeitsarbeit Druck auf Politik ausüben und eine breit wahrnehmbare Diskussion auslösen konnten. Dies führte dazu, dass 1982 offiziell die Ermordung der Sinti*ze und Roman*ja als Genozid anerkannt wurde. Nichtsdestotrotz bedarf es weiterer Aufarbeitung. Beispielsweise finden sich im öffentlichen Gedenken der Stadt Erfurt nach wie vor keine Spuren von Roman*ja und ihrer Situation während des Nationalsozialismus.

„Ihr müsst wie Vögel sein, der Gegenwind hält euch nicht auf, sondern er verleiht euch noch mehr Höhe, auf dass ihr noch länger durchhalten könnt!“

Die Beschissenheit der Dinge ist uns allen bewusst, wird jedoch an Tagen, an denen Freund*innen, Genoss*innen, Menschen abgeschoben werden, stärker wahrnehmbar und führt zu einer noch größeren als bereits empfundenen Ohnmacht. Die Demonstration am 20. Mai 2014 war eine laute und auch eine, auf der getanzt wurde. Es war ein Versuch darauf aufmerksam zu machen, dass die Möglichkeiten für Roman*ja in Deutschland Asyl zu bekommen, durch die aktuelle Politik noch kleiner werden. Doch wer das nicht hörte, war wohl eine breite Öffentlichkeit, denn Presse war nicht vor Ort.
Das Zitat der Zwischenüberschrift entnahm ich einer Veröffentlichung der Initiative Roma Thüringen. Es soll ermutigen, durchzuhalten im Bestehenden und weiter zu kämpfen. Während ich die Treffen der Aktivist*innen bei meiner seltenen Präsenz als andauernd aktivistisch und kraftvoll wahrnehme, überkommt mich selbst dabei oft ein Gefühl der Ohnmacht. Der Kampf, der mir am Herzen liegt, ist einer um Veränderung der Gesellschaft, um das Abschaffen der Realitäten, die dazu führen, dass Menschen kein Bleiberecht bekommen, ja überhaupt um das Abhaken einer Welt, in der so was wie Bleiberecht überhaupt notwendig wird. Doch was mich ermutigt, ist die Möglichkeit eines solidarischen Kampfes um eine Verbesserung konkreter Umstände, um das Ermöglichen eines solidarischen Miteinanders im Hier und Jetzt.
Ein Aktivist: „Wir brauchen und wollen nicht darauf warten, dass uns der deutsche Staat hilft. Wir müssen selbst etwas tun, die Sache in unsere Hände nehmen, uns organisieren und zusammenhalten.“

Die Treffen der Initiative Roma Thüringen (facebook.com/roma.thuringen) finden jeden Samstag um 17 Uhr in den Räumen von Radio F.R.E.I. statt. Unterstützer*innen und solche, die es werden wollen, sind herzlich eingeladen!

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1
„Wir sind Roman*ja, Geflüchtete aus Serbien, Mazedonien… Wir leben nun in Geflüchtetenlagern in Thüringen. Nachdem wir uns mit Roma Communities aus Erfurt, Waltershausen und Gera zusammengefunden haben, haben wir am 8. Juni 2013 die Roma Initiative Thüringen gegründet. Nach Demonstrationen ist dies nun der erste Schritt an die Öffentlichkeit zu gehen.“

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