Plattenkritiken

Polyvinylchlorid stellt in dieser Ausgabe der Lirabelle drei Platten vor. Eine kurze Selbsteschreibung des Autos Polyvinylchlorid: Aufgrund der politisch-unangepassten und antifaschistischen Meinung der Jugendsubkultur namens „Punk“, wird es hauptsächlich Musikbesprechungen aus diesem Umfeld geben. Als nicht abgeneigter Gesinnungsbruder dieser hallodrigen Zunft, kann ich voller Stolz behaupten, bereits einen 3×2 Meter großen antifaschistischen Schutzwall aus Schallplatten vorweisen zu können (Tendenz wachsend).

Toxoplasma – Köter LP (Aggressive Punk Produktionen)
20 Jahre nach ihrem, für mich grandiosen „Leben verboten“-Album, folgt nun das Comeback einer der wichtigsten Deutschpunk-Bands, die – wohlgemerkt – nun schon seit 1981 ihr Unwesen treibt. Daran glauben konnte ich schon bald nicht mehr, denn schon vor über einem Jahr wurde das Album angekündigt und kam und kam nicht. Da sich nicht wenige ältere Bands ja seit einiger Zeit wieder zusammen finden und deren Output, meiner Meinung nach, nicht immer glücklich verläuft (Stichwort SLIME – sich fügen heißt lügen), war ich beim ersten Hören erst mal skeptisch. Doch das war nicht nötig! Toxoplasma brettern mit ihrem Opener ZACKZACKZACK sofort los, als ob es die letzten zwei doch sehr ruhigen Jahrzehnte für die Band nicht gegeben hätte und Frontmann Wallys Gesang ist genauso wunderschön angepisst wie damals. Politische Themen und die dazugehörige Kritik werden in so gut wie jedem Lied verarbeitet und sind mit Songs wie
WAFFENSCHRANK auch aktuell und wirken niemals albern. Auf die Lieder CDU und FICKENFICKENFICKEN (das beileibe nicht so schlimm ist, wie der Titel andeuten könnte) hätte ich jetzt aus ganz eigener Sicht verzichten können, sind jetzt aber auch keine Fremdschämer. Meine Favorites sind KÖTER, DER TEUFEL VERDIRBT DIE JUGEND und ORDNUNG MUSS SEIN. Alles in allem liefert Toxoplasma ein solides Album ab, auf dem, wie nicht anders gewohnt, gut gespielt und schön rotzig gesungen wird. So ein wenig vermisse ich allerdings den Überhit, und die LP läuft so einfach durch, ohne dass sich bestimmte Songs gesondert einbrennen wollen. Wer noch keine Toxoplasma-Scheibe besitzt, kann aber beruhigt zugreifen oder versuchen noch eine „Leben verboten“ auf dem Gebrauchtmarkt zu bekommen. Achja: Das Cover-Artwork ist mit zähnefletschendem Hund einfach klasse geworden und die Platte kommt im gelb-schwarz gesprenkeltem Vinyl und nem Download-Code daher. Von mir gibt’s insgesamt 7,5 von 10 Killernieten.

The Pistones – Eyes over the city LP (Combat Rock Industry)
Es gibt so manche Punkrock-Bands, die kurz nach ihrer Gründung meinen, die Menschheit um eine Platte reicher machen zu müssen. Zu meinem Glück erscheinen solche „Schnellschüsse“ oft nur auf CD und fliegen an mir vorbei wie die Nachrichten auf Web.de und werden daher so gut wie immer mit Nichtbeachtung gestraft. Wiederum zu meinem Glück gibt es aber da noch Bands wie die PISTONES aus Helsinki, die sich Jahre Zeit lassen, um sich und ihre Musik reifen zu lassen. Ihr Erstlingswerk „Eyes over the City“ bescheinigt dies auf eindrucksvolle Weise. Hier wird klassischer Punkrock à la CLASH und MEMBERS zu einem gefühlvollen und manchmal ganz leicht melancholischen Drink verrührt, der von Song zu Song mehr zu gefallen weiß. Die Jungs beherrschen einfach ihr Handwerk und kommen trotz dieser oftmals schon sehr musikalisch ausgetretenen Pfade frisch wie einn gezapftes Pils daher. Die durchweg englischen Texte sind oft persönlicher Natur und werden durch die Stimme des Sängers sehr emotional wiedergegeben, aber ohne dass es auch nur ansatzweise übertrieben wirkt. Einen besonderen Hit, der alle anderen übertrumpft, finde ich nicht auf der Platte. Aber das braucht es hier auch nicht, denn die Songs sind trotz gleichbleibenden Stils alle unterschiedlich und lassen die Platte zu einem Gesamtwerk werden. Die Soundqualität weiß durchweg zu überzeugen, was noch mehr dafür spricht, dass man sich mit
der Platte Mühe gegeben hat. Wer auf Bands wie VÅNNA INGET und THE PARTISANS (um nur einige zu nennen) steht, wird von diesem Teil nicht enttäuscht werden. Die Platte ist aus schwarzen Vinyl und befindet sich im schön gemachten Klapp-Cover.
Ich leg sie gleich nochmal auf und vergebe 9 von 10 Gefühlsausbrüche.

The Restarts – A Sickness of the Mind (No Label records)
Das Klingeln an der Tür verheißt mal was Gutes, denn heute kommt der Dealer mit neuem Stoff. Wie ein aufgeregter Junge laufe ich ihm im Treppenhaus entgegen, unterschreibe mit einem aus der Hüfte geschwungenen Strich auf dem Elektrodingens und befinde mich im nächsten Augenblick bereits wieder in der Wohnung, um den Karton wie ein Westpaket aufzuruppen. Der Grund meiner kapitalistischen Hektik: Das neue Restarts-Album ist da!
Wer auf politischen, räudigen und nach vorn gehenden Arschtritt-Streetpunk steht, der ist bei den Jungs aus England genau wie der Postmann bei mir genau an der richtigen Adresse. Die Band gibt ́s seit 1995. Sie kommen selbst aus dem Squatter-Umfeld Londons und haben trotz großer internationaler „Szene-Beachtung“ Punk immer als Ausdruck ihrer eigenen politischen Ansicht verstanden und nie als Marke. Daher treten sie auch eher in besetzen Häusern als bei irgendwelchen Massen-Festivals auf. Alles in Allem, eine äußerst sympathische Band. Kommen wir aber nun zu ihrem neuen Tonträger, der mich als gelb gefärbtes Polyvinylchlorid vom Plattenteller aus anstrahlt. Soviel vorweg: Wie auf ihren Vorgängeralben, auf denen Themen wie Homophobie, Staatsüberwachung, Häuserkampf etc. eine Rolle spielen, werden auch hier wieder politische Inhalte wie bspw. Krieg (DRONE ATTACK), die Lage im Baskenland (INDEPENDENTZIA) und Armut (SHEEP) angesprochen. Die Restarts bleiben dabei stets ihrem Stil mit sich abwechselndem Gesang und dreckigem Bass und Gitarre treu und schaffen es, mich von Album zu Album (Ich hab sie alle!) zu überraschen. Wieder ist es ihnen gelungen, für sich allein stehende Songs zu basteln, die das Album abwechslungsreich machen. „A Sickness of the Mind“ kommt zwar nicht ganz an ihr Über-Killer-Album „System Error“ (Kaufen!) ran, weiß aber durchweg zu gefallen und flatterte mit genial künstlerischem Klapp-Cover und Download-Code bei mir ins Haus.
Ich ziehe meinen Hut und werfe 9 von 10 Pflastersteine für dieses Album. (P.S.: Die Restarts spielen fast jedes Jahr live in Erfurt.)

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