„Wer hat sich aus deinem Flyer einen Filter gedreht?“ [1]

Eine Rezension zu NMZS – „Der Ekelhafte“ LP, veröffentlicht am 28. November 2013. Von Franzie.

Eine Rezension zu schreiben, ist aus verschiedenen Gründen eine komische Sache. Was nun komisch ist, muss erklärt werden. Dies zeigt sich beispielsweise an der Auswahl eines Werkes, denn sie ist genau eben auf dieses gefallen: Wie und warum beziehe ich mich auf es? Zeigt es nicht auch etwas sehr Persönliches auf? Was zieht mich an, rührt mich, erregt gerade dies in mir? Im Fall des Ende November 2013 veröffentlichten Solo-Albums von NMZS, einem Mitglied der Düsseldorfer Antilopen Gang, ist es seine paradoxe Art: eindeutig, weil widersprüchlich. „Der Ekelhafte“ steht für „eigentlich bin ich ja sensibel, doch die Nervenzellen schwächeln / Deshalb muss ich manchmal Rapper mit der Kettensäge hetzen / […] / Was kann ich denn dafür, dass ihr Vögel mich alle ankotzt?!“ [2] „Der Ekelhafte“ disst, grenzt sich ab und ist in dieser hergestellten Isolation gefangen, denn er leidet daran. Doch eben mit dieser Abgrenzung zeichnet sich eine Art Psychogram. „Der Ekelhafte“ ist der Künstler, der ein Bild von sich, seiner Lebenswelt und seinem Leiden an ihr entwirft. In dieser Gesellschaft fühlt er sich zerrissen: Angezogen vom Glück, der Liebe und der Leidenschaft für den Kampf diese Momente zu verteidigen. Doch stößt er sich ab von den nichtigen Dingen, wie der Geistlosigkeit der kulturindustriellen Produkte. Diese entfremden die Menschen von der Gesellschaft, indem sie sie in die Totalität der Verwertung und Kapitallogik integriert. Dagegen rennt NMZS an. Seine Texte sind gezeichnet von Wut, Hass, Kampf, Verzweiflung und (schließlich) Ohnmacht.
Im März diesen Jahres wurde die Nachricht öffentlich, dass sich ein Mitglied der Antilopen Gang das Leben genommen habe – es war keine Überraschung, dass es NMZS betraf. Von nun an suchten Menschen nach Erklärungen und ja, man fragt sich, warum ein junger Mensch es nicht mehr aushält. Seine Texte sind retrospektiv betrachtet eindeutig; der Tod machte ihm Angst und doch trieb ihn die Gesellschaft ganz konkret zu der Feststellung: „Alles zynisch, alles grausam, es hat alles keinen Sinn / Ich weiß das, ich brauch das, das ist was ich bin.“ [3] Niemand wird sich anmaßen darüber zu spekulieren, was ein vereinzelter Mensch in den letzten Momenten seines Lebens denkt. Auch das letzte Album von NMZS ist gezeichnet von seiner Geschichte, von den Niederlagen, der Einsamkeit, aber eben auch vom gemeinsamen Ankämpfen durch den Rap.

Alle Antilopen zeichnen in ihren Stücken ein düsteres Bild von der Gesellschaft. Sie grinsen ihr entgegen und verachten sie: „Ich fälle meinen Stammbaum und rauche ihn im Blunt!“ [4] Für gesellschaftliche Gewalt und die damit einhergehende soziale Kälte sind sie alle sensibel, doch schien NMZS vielleicht der Verletzteste zu sein. Seine Texte sind erschreckend offen und persönlich. Radikal stellt er scharfe Beobachtungen über seine Umwelt an und legt den Finger in die Wunden. Immer wieder zeigt er seine Verletzungen und die Härte der Gesellschaft auf. Doch sein fortwährendes Bohren konnte wohl nicht verhindern, dass er sein „Nein“ zur Welt mit dem Tod zur Konsequenz gebracht hat.

„Der Ekelhafte“ ist das letzte Album von NMZS. Man kann sich ihm hingeben und präzise, ausweichende, „verrückte“ Gedanken eines jungen Mannes aus Düsseldorf entdecken. Er war ein ganz „normaler“ Jugendlicher: Actionfiguren, Supernintendo, Comics, 2 Jahre Klassensprecher, eine 4 in Sport, von Tagtraum zu Tagtraum. Und nun? „Ja, du kannst dich an den Teufel und das Böse gewöhnen / Aber der Löwe bleibt König in der Höhle des Löwen – so isses / Und wenn er Hunger kriegt – Was dann? – dann frisst er dich / Ober-, Unter-, Mittelschicht, scheißegal, vergiss das nicht.“ [5] Jakob, so sein bürgerlicher Name, hat es nicht vergessen – wie auch? Sich einfügen, das Leiden aushalten, immer weiter kämpfen, irgendwann schwindende Kräfte, letztlich sich hingeben müssen und selbst entschlossen Schluss machen. „Der Ekelhafte“ ist ein Zeichen der Wut, auch wenn die Stimmen der Ohnmacht laut sind. „Der Ekelhafte“ ist mehr als hörenswert. Hier wird kein Kult um einen toten Künstler zelebriert – nein! Hier besteht die Möglichkeit, sich eine Vorstellung von einer Gefühlswelt zu machen, die vielleicht gar nicht so wenige (junge) Menschen in sich tragen.

Es bleibt eine Lücke in der Runde der Jungs von der Antilopen Gang. Dennoch bleiben sie zusammen und heben die Lücke, die NMZS in ihrer Reihe hinterlassen hat, auf, indem sie sich weiterhin authentisch ehrlich zu ihrem Freund verhalten. Wenn die Antilopen seit dem auf die Bühne gehen, ist NMZS dabei – aber er wird nicht auf die Bühne ins grelle Licht gezerrt, vielmehr verkörpert er sich weiter in der Haltung der Crew. Angewidert sind sie auf der Suche nach dem Sinn, immer selbstironisch, irgendwie humorvoll und wütend: Koljah, Panik Panzer, Danger Dan, NMZS: „Also keine Bewegung und du wirst Teil / der einzigen stehen bleibenden Bewegung – Anti Alles!“ [6]

Zur Info: Die Antilopen stellen ihre Musik zum kostenfreien Download für alle zur Verfügung. Hier gibt es die wütende „Robopommes“ EP, dort u.a. die ohnmächtige „Egotrip“ EP.

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[1] NMZS: „NMZS2“, auf „Der Ekelhafte“ LP.
[2] NMZS: „Amok Amok“, auf „Der Ekelhafte“ LP.
[3] NMZS & Danger Dan: „Ich hab mich dran gewöhnt“, auf „Aschenbecher“ LP.
[4] NMZS & Danger Dan: „So ungefähr“, auf „Aschenbecher“ LP.
[5] NMZS: „Der Ekelhafte“, auf „Der Ekelhafte“ LP.
[6] Panik Panzer in „Gazellenbande“, auf „Der Ekelhafte“ LP.

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