Monatsarchiv: Juli 2013

Lirabelle #1

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Editorial

Was zum Teufel ist eine Lirabelle? Eine radikale Libelle, eine linke Mirabelle oder eine militant-rabulistische Schöne? Wir wissen es auch nicht. Unsere Lirabelle ist ein linkes Zeitungsprojek, das sich thematisch mit Fragen beschäftigt, die zumeist einen regionalen Bezug aufweisen, inhaltlich aber durchaus auf ‘s Ganze gehen sollen. Das Projekt ist von und für Menschen gedacht, die sich für praktische Gesellschaftskritik bzw. gesellschaftskritische Praxis interessieren – in der gebotenen Breite und Vielfalt.

Zum Thema… Wer braucht schon ein Thema? Wir jedenfalls nicht. Deswegen besteht die erste Ausgabe aus einer bunten Mischung von Beiträgen, die von Menschen aus der Redaktion und Leuten und Gruppen kommen, die auf verschlungenen Pfaden vor der ersten Ausgabe erfahren haben, dass es dieses Projekt gibt. Ein kleiner Schwerpunkt ist dabei der Streit um die unterschiedlichen Positionen zu Staat und Politik, die schon in der „Vielfalt“-Broschüre begonnen hat, wobei man die meisten Beiträge als Kritik der Kritik, die dort geleistet wurde, bezeichnen kann. Eine konstruktive Darlegung davon, wie Staat funktioniert und (Anti-)politik im emanzipatorischen Sinne möglich ist, konnten wir trotz einiger Anfragen an befreundete Autor*innen nicht einholen, was vielleicht daran liegt, dass die Frage einfach ungeklärt ist. Oder? Vielleicht kommt ja noch was …

So, wie wir uns die Welt vorstellen, ist sie nicht durch Theorie alleine zu begreifen und schon gar nicht zu ändern. Deswegen interessieren uns auch subjektive Einschätzungen und unkonventionelle Herangehensweisen. Und natürlich Punkrock, wobei wir eingestehen müssen, dass der in der Redaktion nicht so wahnsinnig stark vertreten ist. Über diesbezügliche Zuschriften – Konzertberichte, Plattenkritiken, Fotos, Collagen, Essays, Geschichten – würden wir uns sehr freuen. Denn wir wollen den Kreis der Themen und Autor*innen durchaus erweitern. eure Schönen aus der Redaktion

PS: Erfahrungsgemäß denken immer wieder Leute, dass sie nicht schreiben können oder nichts zu sagen haben. Um die Wortlosigkeit zu überwinden, planen wir für den Herbst einen Schreibworkshop. Wenn das konkret wird, erfahrt Ihr auf unserer Homepage davon: http://lirabelle.blogsport.eu

Inhalt

Der rote Pullover

Karl Meyerbeer über Solidarität zwischen Arbeiter*innen

Mit 16 wollte ich eine Stereoanlage und habe dafür in den Ferien im kommunalen Energie- und Busunternehmen meiner Heimatstadt gearbeitet. Es war gegen Ende der alten BRD; die „Kraftversorgung“ war ein Relikt des Schaufensterkapitalismus: Energie, ÖPNV, Schwimmbäder, eben alles, was vor die Hunde geht oder unbezahlbar wird, wenn man es dem Markt überlässt.

Im Frühjahr habe ich im besagten Unternehmen Busse gereinigt: Die Decke von festgebackenen Diesel-Abgasen befreien, Sitze mit dem Nassstaubsauger reinigen und den Boden wischen. Das dauert, mit reichlich Pausen, wenn man sich nicht allzusehr anstrengt, vier Stunden pro Bus. Man musste den Schwamm vorsichtig in den Eimer mit der Seifenlauge tauchen. War der Schwamm zu nass, rann ein Strom heißes Dreckwasser am Arm herunter und nässte nach und nach den ganzen Körper, denn man arbeitete natürlich über dem Kopf. War der Schwamm zu trocken, bekam man die Decke nicht sauber, außerdem bedeutete weniger Wasser im Schwamm, dass man öfter den Arm vom Eimer zur Decke bewegen musste. Jeweils zwei Minuten schrubben bei acht Stunden Arbeit bedeutet mit Pausen, 180 mal die Hand vom Boden zur Decke zu bewegen – mit einem vollgesogenen Schwamm – was zu quälenden Schmerzen in der rechten Schulter führt. Die Idee, mehr Deckenplatten in kürzerer Zeit zu schrubben, wäre mir nicht gekommen. Die Anweisungen darüber, wie lange ein Reinigungsgang zu dauern hatte, waren sowieso unmissverständlich. Mein direkter Vorgesetzter war Ralf, ein ungelernter Hilfsarbeiter mit Vokuhila, viel Begeisterung für Autos und einer Vorliebe für rote Pullover. Wenn keine Ferienjobber da waren, gehörten die Deckenplatten in seinen Aufgabenbereich und er wäre blöd gewesen, sich von mir die Norm kaputt machen zu lassen. Statt meine Kreativität in die Arbeit zu stecken, habe ich Strategien entwickelt, ihr zu fliehen. Z.B. gab es in der Stunde vor der Mittagspause und auch am Nachmittag Zeiten, bei denen sich kein Mensch in der Bushalle blicken ließ – Zeit für ein Schläfchen auf der Rückbank. Einmal hat Ralf mich erwischt. Ich wachte auf, weil jemand laut mit mir redete: „Wenn das hier einer mitkriegt, gibt’s den größten Ärger!“ „Au weia“, dachte ich. Es hatte ja schon jemand mitgekriegt. Aber der angedrohte Ärger blieb aus.

Beim Essen habe ich gelernt, wie Klassengesellschaft funktioniert. Die Kantine war ein rechteckiger Raum mit 20 langen Tischen in Reih und Glied wie die Busse auf dem Parkplatz oder die Arbeiter_innen in ihren Schließfächern. Rechts saßen die gelernten und ungelernten Arbeiter. Sie trugen blaue Overalls, darunter Synthetik-Pullover in schreienden Farben. Sie kamen mit dem Golf oder mit dem Manta, die Lehrlinge mit dem Bus. Sie aßen Erbsensuppe oder Schnitzel mit Kartoffelsalat. Links saßen die PlanerInnen: Verwaltungsangestellte und Ingenieure. Sie trugen Jeans und Hemden, manche auch sportliche Jacketts, die Frauen Blusen und Strickjacken. Die Männer kamen mit Audis zur Arbeit, die Frauen wurden gebracht. Sie aßen Cordon Bleu oder Salat mit Putenstreifen. Dazwischen saßen die Busfahrer. Die trugen eine Art Uniform aus unglaublich hässlichen hellblauen Hemden, dunkelblauen Strickjacken und grauen Stoffhosen. Was die gegessen haben, weiß ich nicht. Der Direktor – ein dicker, durch langjährige SPD-Mitgliedschaft qualifizierter Mann – fuhr einen schwarzen Mercedes und aß nicht in der Kantine. Die Sitzordnung war nirgends festgelegt, aber es wäre undenkbar gewesen, sich mit rußverschmiertem Blaumann zu den Blusen und Hemden zu setzen. Und so aß ich bei denBlaumännern und hörte mir ihre Gespräche über Fußball, Frauen, Autos, Urlaub und Bier an. Mein erster sozialer Aufstieg bestand darin, dass ich in den Sommerferien durch Vermittlung meiner Eltern in der EDV-Abteilung arbeiten durfte. Ich machte mich zwar nicht mehr schmutzig, dafür war die Arbeit unglaublich langweilig. Im Grunde bestand die Tätigkeit in Suchen und Ersetzen, wie es heute jede Textverarbeitung kann. Der Texteditor der altehrwürdigen Großrechenanlage (schwarze Schrift auf bernsteinfarbenem Grund) hieß »ed« und konnte das nicht. Nach zwei Tagen war ich ob der Sinnlosigkeit meiner Arbeit so frustriert, dass ich in den Kaffeepausen nicht mehr in die Kantine ging, sondern jede freie Minute damit zubrachte, die Maschine zu verstehen. Nach ein paar Tagen hatte ich ein kleines Programm geschrieben, das meine Aufgabe automatisch innerhalb von wenigen Minuten erledigte. Von »neuen Steuerungsmodellen« hatte ich natürlich noch nichts gehört und es war auch weniger, dass man mich gezielt bei der Kreativität gepackt hätte, als dass die Zeit im Büro einfach so geisttötend langweilig gewesen war, dass mir die Steigerung meiner eigenen Produktivität als einziger Ausweg schien, um nicht verrückt zu werden. Niemand war sauer, dass ich die Norm überboten hatte. Der Chef der EDV gab mir ein neues Ziel: ich sollte eine einfache Abrechnungs-Software schreiben, eine Aufgabe, die eigentlich ein externer Dienstleister hätte übernehmen sollen. Dass ich als Ungelernter benutzt wurde, um den Preis des Freelancers zu drücken, ist mir nicht in den Sinn gekommen. Dabei hatte ich im Vorjahr doch mitbekommen, wie Ralf seine Norm verteidigt hatte. Aber dass das Schläfchen auf der Rückbank mein erster Arbeitskampf gewesen war, hatte ich nicht verstanden.

Ebenso war mir immer noch unklar, wieso ich ohne Probleme wieder eingestellt worden war. Hatte Ralf niemanden von meinem Schläfchen erzählt? Ich habe nicht verstanden, wieso. Bis zu der Sache mit dem roten Pullover.

Weil die Stereoanlage immer noch nicht voll bezahlt war, arbeitete ich in den Herbstferien im Bäderbetrieb, wo ich wieder Ralf unterstellt war. Zu meinem Erstaunen sagte er kein Wort über meine Verfehlung, als wir an meinem ersten Arbeitstag das Betriebsgelände verließen, um im Schwimmbad Müll aufzusammeln. Sichtlich gut gelaunt wies er mich in einen der blauen Kastenwagen und nahm selbst auf dem Fahrersitz Platz. Dann brachte er das altertümliche Gefährt schwungvoll in Gang, und zirkelte es mit quietschenden Reifen knapp durch den Schlagbaum am Werkstor. Was er nicht bemerkt hatte, war der dicke schwarze Mercedes, der gleichzeitig von draußen hinein fuhr. Natürlich kannte der Direktor nicht alle 60 Arbeiter persönlich. Aber er hatte sich gemerkt, dass im Fahrerhäuschen des blauen LKW, der ihn geschnitten hatte, ein roter Pullover gesessen hatte. Morgens um 9 fand der Vorfall statt, um 10 erhielt der Polier die Anweisung, den Verkehrsrowdy ausfindig zu machen, um 11 wussten die Kollegen, dass ein Kollege mit rotem Pullover gesucht wurde. Und um 12, kurz vor der Mittagspause, wechselte Ralf diskret seinen Pullover, weil ihn ein Kollege, kaum dass er vom Außendienst zurückgekommen war, darauf hingewiesen hatte, dass er gesucht wurde. So kam es, dass der Direktor beim Stolzieren durch die Kantine zwar trotzige Gesichter sah, aber keinen roten Pullover.

 

Super, Super, Sozialdemokratie!

Franzie und Lisa unternehmen Feldforschung auf unbekanntem Terrain

Vom 9. bis 12. Mai 2013 fand in Dortmund das Workers Youth Festival unter dem Motto „united we make history – solidarity now!“ statt. Trotz dessen die ArbeiterInnenbewegung von verschiedenen Seiten für tot erklärt wurde, scheint es aber noch eine „Workers Youth“ zu geben. Ein Phänomen, das wir uns näher ansehen wollen. Wohl nicht ganz zufällig sponsert die SPD ihrer Jugendorganisation, den Jusos, und dem befreundeten Kinder- und Jugendverband, „Die Falken – Sozialistische Jugend Deutschlands“, dieses große Zusammentreffen. Im Jahr 2013 wird 150 Jahre Sozialdemokratie gefeiert und sich ins rechte Licht für den Wahlkampf gerückt, denn in diesem Herbst steht die Bundestagswahl vor der Tür.

Doch was motiviert uns, vier Tage lang geballte Sozialdemokratie zu ertragen? Wir begleiten gute GenossInnen von den Falken aus Erfurt, die bereits im Vorfeld versucht haben, durch die Vorbereitung möglichst vieler Workshops gesellschaftskritische Diskussionen auf dem Festival zu ermöglichen und voranzutreiben. Zudem gibt es einige kommunistische GenossInnen, die sich in bundesweiten Falken-Strukturen bewegen und die wir gerne wiedersehen wollen. Für wenig Geld in den Ruhrpott, um liebe Menschen zu treffen und die Sozis unter sich zu beobachten (praktische Feldforschung quasi): dafür reisen wir nach Dortmund. Das Sahnehäubchen der ganzen Unternehmung ist, neben der großen Vorfreude auf verbale Attacken und Pöbeleien, der angekündigte Auftritt der glorreich prolligen Antilopengang, einer HipHop-Crew aus Düsseldorf. Dazu können wir nicht ‚Nein‘ sagen. So stellen wir uns missmutig auf eine Reise im SPD gesponserten Bus ein und drücken uns die Daumen, dass es kein Wahlkampfmobil mit der Aufschrift „Super, super, Sozialdemokratie!“ werde.

Anreise und Ankunft

Am Erfurter Hauptbahnhof sind wir dann auch ziemlich froh, schnell in den Bus steigen zu können und somit den ganzen Männertagstruppen, deren lautstark nach außen getragene „Männerfreundschaft“ und deutscher Patriotismus einem bereits in aller Frühe den Magen verdrehen, zu entkommen. Doch zu früh gefreut – die letzten Sitzbänke des Busses sind von Jusos aus Jena belegt, die sich den Männertag wohl nicht entgehen lassen können und während der nächsten vier Stunden Busfahrt Fußball-Lieder grölen. Die uns einzig möglich erscheinende Reaktion darauf, neben Augenrollen und grummelndem Schimpfen: tot stellen und schlafen.

Das Festival findet im Dortmunder Fredenbaum Park statt, der sich bei unserer Ankunft bereits in eine kleine Zeltstadt verwandelt hat: Nahe des Park-Eingangs befinden sich die Fest- und Themenzelte, am hinteren Ende des Geländes schließlich die Schlafzelte in endlosen Reihen, obwohl nicht alle der etwa 3000 TeilnehmerInnen auf dem Gelände nächtigen. Nach einer kurzen Diskussion verteilt sich unsere kleine Reisegruppe nach den Kategorien SchnarcherInnen und Nicht-SchnarcherInnen auf zwei Gruppenzelte. Unsere Zelt-NachbarInnen sind Delegierte einer sozialistischen Jugendorganisation aus Katalonien, ihre Fahnen weisen uns nachts den Heimweg.

Nachdem GenossInnen wiedergetroffen sind und wir das Treiben und Wuseln auf dem Gelände ein bisschen beobachtet haben (gleich sichten wir die erste SPD Fahne inmitten der Falken- und Jusos-Fahnen), erkunden wir gemeinsam die Themen-Zelte. Die Erfurter Falken haben im „Alternatives Wirtschaften“-Zelt (mehr Platz ist für Kommunismus wohl nicht auf dem Festival) ihren Büchertisch aufgebaut. Wie so oft sind wir die ersten, die sich durch die antiquarischen Bücher wühlen und schließlich auch die, die am meisten nach Hause zu tragen haben.

Zum Verständnis eines „sozialdemokratischen Antifaschismus“

Direkt gegenüber deutet eine rote Antifa-Fahne daraufhin, dass es in diesem Themen-Zelt irgendwie um Antifaschismus gehe. Neugierig lesen wir das Programm und stocken, denn angekündigt wird uns für den nächsten Tag einerseits Freer Huisken vom Gegenstandpunkt zur Kritik der Antifa, andererseits wahrhaft eine Podiumsdiskussion mit einer Landtagsabgeordneten der SPD, dem Bullenpräsidenten von Dortmund und dem Leiter des Verfassungsschutzamtes NRW. Die letztere Veranstaltung steht unter der Fragestellung, was der Staat gegen rechts unternehmen könne und in welchem Verhältnis er dazu stehe. Erst sorgt die Veranstaltungs-Ankündigung allgemein für große Heiterkeit, mündet schließlich jedoch in Unglauben: Hat sich hier jemand einen Scherz erlaubt? Aber nein – das ist ernst gemeint!

Abends beginnen wir mit den Organisatoren (einem Juso und einem Falken aus Dortmund) eine Diskussion über Sinn und Zweck dieser Veranstaltung: Warum bietet man VertreterInnen und Durchsetzenden der Staatsgewalt ein Podium? Was erhofft man sich von einer Diskussion mit der Polizei und dem Verfassungsschutz? Zwar haben die Veranstalter irgendwie schon etwas gegen den Verfassungsschutz. Uns wird erläutert, dass es schließlich auch einen gemeinsamen Beschluss der Falken und Jusos gebe, der die Abschaffung des Verfassungsschutzes fordert. Trotzdem müsse man Politik und Behörden mit ihren Fehlern konfrontieren und mal ernsthaft nachfragen, was da passiert ist. Man erwartet Reue, Schuldeingeständnisse und Aufklärung. Dass die Aufarbeitung der NSU-Morde sowie der Verstrickungen und des Versagens des Verfassungsschutzes bislang ohne und vor allem gegen die Bestrebungen des Verfassungsschutzes geschah, scheint der Hoffnung keinen Abbruch zu tun. Vom Juso hören wir den naiver Weise unerwarteten Satz „Der Staat sind wir alle!“ Eine Erläuterung bleibt er uns schuldig, seine unmittelbare Identifikation mit dem Staat und sein nationales Zugehörigkeitsgefühl scheinen vielmehr jegliche Interessengegensätze harmonisch in Einklang zu bringen. Aber Häme mal bei Seite, denn es gibt auch gute Argumente für diese Veranstaltung: Die Leute seien nun mal eingeladen, das Programm festgezurrt und nun nicht mehr zu ändern. Klar, wer A sagt, muss auch B sagen. Dagegen erhofft sich der andere Veranstalter, welcher sich selbst im linken Verbandsflügel der Falken verortet, ein Vorführen des Verfassungsschutzes mittels einer guten Diskussion, welche den Teilnehmenden irgendwie zu einer grundlegenden Staatskritik verhelfen soll. Warum statt dieser Werbeveranstaltung nicht einfach eine Veranstaltung zum Thema Staatskritik oder zur Funktion und Zweck des Verfassungsschutzes organisiert wird, kann er uns nicht erklären. „Was habt ihr denn erwartet?! Das ist doch kein linksradikales Festival!“, heißt es und die von uns ausgelöste Debatte um die Podiumsdiskussion bestätige, dass es sich um eine kontroverse Veranstaltung handele, die allein aufgrund dieser Kontroversität schon wünschenswert sei. Aha. Trotzdem stimmt er unserer Kritik irgendwie zu, entpuppt sich aber als typischer Polit-Stratege: Bei den Falken eintreten, um da irgendwie linksradikale Inhalte durchzusetzen und bei all der taktischen Anpassung ans falsche Bewusstsein gar nicht merken, dass die eigene Gesellschaftskritik Schritt für Schritt aufgegeben wird, bis man doch bei jedem Quatsch mitmacht.

Wir müssen schließlich einsehen, dass eine vernünftige inhaltliche Diskussion nicht möglich ist. Die Veranstalter sind auch nicht bereit, über das Stattfinden der Veranstaltung noch einmal grundsätzlich zu diskutieren und wir verziehen uns. Auf dem Weg zur Antilopengang mischen wir den sozialdemokratischen Frieden mit ein paar Parolen und gemeinsamen „Singen“ auf. Bei „Ten German Bombers in the Air“ stimmen einzig die Securitys (Antifas, die ihre eigene Security Firma aufgebaut haben) mit ein. Dank mitgeschmuggeltem Pfeffi und dem Auftritt der Antilopengang bringen wir trotz des Verbots von Hartalk und dem Frust bezüglich der Diskussion die Nacht noch gut zu Ende.

Jugendbildung in Dortmund

Des Nachts stellt sich heraus, dass unser Plan gescheitert ist: SchnarcherInnen haben das Nicht-SchnarcherInnen-Zelt unterwandert. Entsprechend müde quälen wir uns am Freitag Morgen auf die Dixie-Klos (es lebe die Prekarität!) und schauen schließlich bei den Workshops der Erfurter Falken vorbei. Es finden sowohl eine Veranstaltung zum Thema Demokratiekritik wie auch ein Workshop zur Einführung in die Kapitalismuskritik statt. Dabei treffen die unterschiedlichsten Positionen aufeinander (zum Beispiel junge Leute, die fälschlicherweise annehmen über die SPD ließe sich noch irgendetwas retten) und ein Genosse wird selbstbewusst und direkt angemotzt, dass er bei all seiner Kapitalismuskritik doch keine Coca Cola, klassische Imperialisten-Brause, trinken könne. Die Atmosphäre bessert unsere Laune jedoch deutlich auf: Junge Leute, die sich an dieser Gesellschaft stören und ein Interesse daran haben, sich mit den Funktionsweisen dieser kritisch auseinanderzusetzen, diskutieren angeregt und ernsthaft miteinander.

Mittags bummeln wir ein wenig über den „Markt der Möglichkeiten“ und erhaschen Eindrücke von den verschiedenen internationalen Schwester Organisationen der Jusos und Falken sowie der örtlichen SPD. Dabei geht es genauso heterogen zu wie bei den Jusos und Falken: SozialistInnen treffen auf SozialdemokratInnen.

Es geht los: Der Klassenfeind auf dem Podium.

Nachmittags begeben wir uns dann wieder zum „Antifa“-Themenzelt zum Vortrag von Freer Huisken. Anhand einer Kritik linker antifaschistischer Parolen und Praxis legt Husiken dar, wie der Fokus auf Antifaschismus die viel größere Bedeutung der kapitalistischen Normalität oftmals überdecke und dass die Parteinahme für die bürgerliche Demokratie als kleineres Übel zu einer impliziten Parteinahme für herrschende Verhältnisse führe. Die Message ist klar, knapp zusammengefasst lautet sie: Fokus auf Staatskritik und Kapitalismuskritik. Zwischendrin unterbricht jemand aufgebracht den Vortrag: Mit dem Verfassungsschutz diskutiere man nicht, warum wir überhaupt in dieser Veranstaltung säßen. Großes Lachen wegen der Verwechslung, auch Huisken äußert daraufhin nochmal seinen Unglauben und seine Skepsis bezüglich der nachfolgenden Podiumsdiskussion. Tatsächlich tritt die Absurdität der nachfolgenden Podiumsdiskussion durch den Kontrast zu Huiskens Vortrag nur noch stärker hervor.

Nach einiger Aufregung (wir haben das Stattfinden der Veranstaltung nochmal grundsätzlich in Frage gestellt und mit den Anwesenden diskutiert), wird die Veranstaltung trotz lauter Kritik einfach durchgesetzt und aufgrund des großen Andrangs nach draußen verschoben. Etwa 200 bis 300 Leute sitzen im Publi- kum. Das Resultat ist wie erwartet: Dem Verfassungsschutz und der Polizei wird die Möglichkeit zur Selbstdarstellung gegeben, kritische Fragen (zu Staatskri- tik, rassistischen Polizeikontrollen, der Rolle des Verfassungsschutz bei der Kriminalisierung linker Strukturen und im Wirken in und um neonazistische Organisationen) werden elegant umgangen. Man gibt sich gemeinsam den „Wir haben doch hier alle was gegen Nazis!“-Gestus. Eine Absurdität jagt die nächste: Linke, die Anerkennung für ihren Antifaschismus vom Verfassungsschutz fordern; Sozi-Pädagogen, die besseres Schulmaterial vom VS fordern; Jusos, die ihrer eingeschnappten SPD-Kandidatin aufmunternd zujubeln. Ein Highlight ist die Aussage des Verfassungsschutz-Vertreters, verdeckte Ermittler könne man unmöglich weiterhin in Nazi-Strukturen schicken, die würden dann doch alle selber Nazis. (Interessant wie er damit der vertretenen Extremismus-Theorie widerspricht. Haben herrschende, demokratische Verhältnisse also doch irgendetwas mit faschistoidem Denken zu tun?) Der Versuch, das Verhältnis von Kapitalismus und Nationalstaat zumindest beim Publikum zu thematisieren, scheitert völlig. Die einzige Reaktion ist die etwas verwirrte Aussage des Verfassungsschutz-Leiters: „Wir reden hier über Gesellschaft, was hat das denn mit Privateigentum zu tun?“ Immer wieder eskaliert die Diskussion an ideologisch getränkten Wortfetzen, die vom Podium zur Befriedung der Situation kommen. Nachdem ein Genosse frustriert die Autoritäten auf dem Podium als Klassenfeind beschimpft (mit der Drohung, „Wir sehen uns wieder!“), bricht es verzweifelt und flehend aus einem Juso heraus: „Das ist hier nicht die herrschende Meinung. Wir haben gar nichts gegen Sie, das müssen Sie wissen!“. Unser Versuch, die Veranstaltung zu verhindern oder zumindest den Fokus auf Staatskritik zu setzen, müssen wir als gescheitert anerkennen.

Von der jungsozialistischen Ordnungsmacht.

Direkt nach der Podiumsdiskussion geht es weiter. Sigmar Gabriel hält im Festzelt eine Rede: Begeistert werden Juso-, Falken- und auch Antifa-Fahnen geschwenkt. Ein Transparent der Naturfreundejugend NRW mit der Aufschrift „Sigmar, danke für Hartz IV“ wird von aufgebrachten Jusos entwendet. Vielleicht machen sie sich Sorgen um diese Form der Nestbeschmutzung; in vorauseilendem Gehorsam und strenger Parteiloyalität setzen sie die Jubelveranstaltung für den eigenen Vorsitzenden gewaltsam durch.

Der Samstag ist schließlich von den Vorbereitungen für eine Demonstration in die Dortmunder Innenstadt bestimmt: Ein Aktionstag ist geplant. Worum es dabei spezifisch gehen soll, ist völlig unklar. Man gibt sich einen in Häppchen servierten, leicht verträglichen und nicht ganz ernst gemeinten sozialistischen Gestus; immerfort hört man „Hoch die internationale Solidarität!“, Demomaterialien der SPD und Jusos werden verteilt und deren Fahnen geschwenkt.

Während sich die Masse sammelt, konfrontieren GenossInnen aus Stuttgart diese mit einem Transparent, das die Aufschrift „Die Sozialdemokratie ist ein stinkender Leichnam“ trägt (was später zum Anlass einer handfesten Rangelei mit empörten Jusos wird). Daneben findet sich ein weiteres Transparent der GenossInnen aus Mönchen-Gladbach: „Kommunismus, scheiße ja!“. Das Pöbeln können auch wir uns nun nicht mehr verkneifen: Die altbekannte Parole „Wer hat uns verraten/ Sozialdemokraten“ wird durch die neuen Klassiker „Ihh, Ihh / Sozialdemokratie“ und das nicht ernst gemeinte „S-S / S-P-D“ aufgepeppt. Unsere Hetzerei wird mehrmals mit dem empörten Ausruf „Geht doch arbeiten!“ quittiert. Wir entschuldigen uns hiermit für die verspätete passende Entgegnung und antworten nun schriftlich mit den Worten: „Ihr arbeitet zu viel und ihr sauft zu wenig!“ (Zitat Kackschlacht).

Als sich die Masse schließlich nach Dortmund verzogen hat, lesen und chillen wir ein wenig. Das Gelände war nie schöner – ohne die ambitionierten Jusos und engagierten jungen Menschen voller Hoffnungen auf einen guten, demokratischen Kapitalismus geht es uns gleich viel besser. Zwar verpassen wir den allzu wahren Ausspruch einer SPD-Rednerin, sie sei ja auch für den demokratischen Sozialismus, das ließe sich allerdings in einer Legislaturperiode von 4 Jahren nicht verwirklichen (Nein, das ist keine intendierte Selbstkritik der Partei, sondern Kritik am Sozialismus), aber dafür haben wir ein bisschen Ruhe.

Auf dem Aktionstag in der Dortmunder Innenstadt ärgern sich derweil einige über den abgesagten Auftritt vom großen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück; Grund dafür ist wohl eine als zu kurz eingeschätzte Redezeit, wie ein Falke hämisch bemerkt. Der zweifelhafte Höhepunkt der Veranstaltung wird somit der gefeierte Auftritt der Band „Die Orsons“, die nicht nur den AktivistInnen vom Queer-LGBT-Themenzelt durch aggressiven Sexismus auffallen. Wir sind froh, uns gegen die Veranstaltung entschieden zu haben, ein Bericht über weitere Rangeleien zwischen KritikerInnen und Orsons-Fans (nachzulesen auf indymedia) reicht mehr als aus. Der letzte Abend verläuft feucht-fröhlich im Kreise lieber GenossInnen im „Alternatives Wirtschaften“-Zelt. Während wir uns in den Schlaf wälzen, sehnen wir uns dem Ende des zugegebenermaßen erlebnisreichen Wochenendes entgegen.

„United we make history“ lautete der kämpferische Slogan des Festivals, schaut man nun auf die Internetpräsenz, entdeckt man den Slogan zutreffend in abgewandelter Form „united we MADE history.“ Ach so. Das ist dann wohl an uns vorüber gegangen. Bei uns zumindest ging es mit dem Bus direkt zurück in die alltägliche Ohnmacht. Ja, Geschichte wird gemacht, auf welche Weise und ob bewusst oder unbewusst scheint hier aber gleichgültig, und so bleibt unser Eindruck des Workers Youth Festivals: Super, super, Sozialdemokratie – auf das alles so weitergehe, wie bisher!

Die Arbeit nieder!

Der Infoladen Sabotnik lädt zur Vorbereitung für einen Aktionstag zur Unterstützung eines europäischen Generalstreik im Herbst oder Winter

Mit der tiefgreifenden Weltwirtschaftskrise, die Ende 2007 ihren Anfang nahm, kamen auch die Krisenproteste. In Griechenland, Spanien und vielen anderen Ländern gehen seitdem immer wieder Tausende auf die Straße, um gegen Verarmungspolitik und die negativen Auswirkung des Kapitalismus zu demonstrieren. In der BRD bleiben Proteste eher verhalten. In Thüringen sind sie quasi nicht vorhanden. Während mit Blockupy der Versuch unternommen wurde, an einem zentralen Ort den kapitalistischen Normalvollzug wenigstens einen Tag lang zu stören, gibt es nun vom m31-Netzwerk den Aufruf, im Rahmen eines europäischen Generalstreiks dezentrale und basisnahe Aktionen zu starten.

Das m31-Netzwerk trat zum ersten Mal mit einem europaweiten antikapitalistischen Aktionstag am 31. Mai 2012 in Erscheinung. Damals fanden in über 30 europäischen Städten Aktionen statt. In Frankfurt demonstrierten über 6000 Leute. Dass es bei einmaligen Aktionen nicht bleiben sollte, war von Anfang an klar. Deswegen veröffentlichte das Netzwerk im Frühjahr 2013 das Diskussionspapier „Europäische Generalstreiks sind auch unsere Sache“. Darin legt das Netzwerk das desaströse Ausmaß der Krise in Spanien, Griechenland und Portugal dar und argumentiert gegen die Ansicht, an Deutschland sei die Krise vorbei gezogen, dass hierzulande bereits vorab für die Krise gezahlt wurden war: Durch die Etablierung eines Niedriglohnsektors und die Einführung von Hartz IV wurden die Krisenkosten nach unten abgwälzt.

Um auch in Deutschland soziale Kämpfe anzustoßen und Solidarität mit den Kämpfenden in Europa zu demonstrieren, ruft das m31-Netzwerk dazu auf, sich an einem in Spanien angestoßenen europäischen Generalstreik im Herbst 2013 oder Frühjahr 2014 zu beteiligen.

Bis dahin ist noch einiges zu tun: Die Zeit bis zum Streik soll genutzt werden, um konkrete Aktionen vorzubereiten, die den Bogen von lokalen Kämpfen über die europäische Ebene bis zur kapitalistischen Krisendynamik überhaupt spannen sollen. Der konkrete Bezugspunkt ist dabei noch zu bestimmen – in lokalen Netzwerken, die gemeinsam entscheiden, welche Form der Krisenprotest annehmen soll.

Auch in Thüringen soll an diesem Tag demonstriert, blockiert oder gestreikt werden – je nach dem, wofür sich die lokalen Akteure entscheiden: das erste Vorbereitungstreffen findet am 22. Juli um 20 Uhr im veto (Papier- mühlenweg 33, Erfurt) statt. Es ist offen für alle, die sich von der Perspektive einer europaweiten Solidarität gegen die Zumutungen des Kapitalismus und der Krise angesprochen fühlen. Das angesprochene Diskussionspapier gibt es online unter strikem31.blogsport.eu.

Warum Hitler mit der positiven Umdeutung des Hakenkreuzes scheitern musste

Lukas rezensiert die Kunstzeitschrift „Haar und Fusz“ (Weimar 02/2013)

Ich habe sie lange nicht verstanden. Ich habe mich aber lange darum bemüht. Heute versteh‘ ich sie.

Alberto Vasallo di Torregrossa

Ich habe mir eben die zweite Ausgabe der Weimarer Kunstzeitschrift „Haar&Fusz“ durchgelesen, lege das Heft beiseite und bin ratlos. Zu Beginn wurde ich in einem Gedicht instruiert, dass im weiteren Verlauf alles eine Frage der Perspektive, also „Einstellungssache“ sei: „Wenn du dich aufregen willst, reg dich auf! Wenn du nachdenken willst, denk nach! Wenn du das schöne sehen willst, dann freu dich!“ Das Heft hat mir nicht gefallen, ob ich wollte oder nicht, wenn es mich zum Nachdenken gebracht hat, dann über das Elend heutiger Kunststudenten (oder kommen noch andere auf die Idee, so etwas zu produzieren?), bloß aufregen will ich mich nicht, denn ich will mir nicht auch noch meine Wut von solchen Leuten zugestehen lassen. Auf der letzten Seite des Heftes liest man folgendes Statement: „Mit dem Inhalt dieser Angelegenheit wollen wir niemanden, nichts, gar niemanden verletzen, Menschenwürde nehmen oder gar politische Motivation darstellen. Mit Pornographie und, oder Sexismus haben wir auch nichts zu tun. Kunst ist frei und soll es auch…“, und auf der Rückseite sticht eine Zeile unter den anderen heraus: „Ich übernehme keine Verantwortung, ich bin nur ein Medium.“ Aus solchen Statements spricht, dass das, was hier für 2 Euro („Eulen, Euronen, Tacken, usw.“) als Kunst verkauft wird, nicht für sich selber steht, nicht aus sich heraus gelesen werden soll, sondern kommentiert werden muss – man will niemanden verletzen, keine Grenze übertreten und sich im Vorhinein darüber versichern, dass auch ja keine derartige Wirkung einsetzt. Doch hinter dieser Kunst, die von ihren Produzenten derart kommentiert werden muss, eine Motivation oder gar ein Konzept entdecken zu wollen, läuft ins Leere – denn es gibt offensichtlich nichts (vor allem keine politische Motivation oder gar etwas, für das die Autoren Verantwortung übernehmen würden), das sich darin greifen ließe. Dabei wird nicht einmal eine Erwartung enttäuscht, die mich als Rezipient etwa auf eine falsche Fährte locken würde, mich aufs Glatteis führt und mich dann enttäuscht, um mich eines Besseren zu belehren – denn es wird mir schon vorher gesagt, dass es um nichts geht, das Geltung beanspruchen will, dass alles eine Frage der Perspektive sei, bzw. dessen, was ich wollen würde. Das ist für mich ein Problem, beispielsweise wenn mir einige inhaltliche Aspekte des Heftes aufstoßen, ich sie zum Kotzen finde. Denn es gibt keine Möglichkeit der Kritik daran – die Kritik eines Objekts ist nur möglich, wenn es dem Kritiker einen gewissen Grad an Widerstand entgegenbringt. Jeglicher Widerstand, jede materielle oder ideelle Eigenständigkeit ist im vorliegenden Fall – wir wollen ja nicht, reg‘ dich gern auf – im Vorhinein ausgehebelt. Versuche ich dennoch eine Kritik (auf welche Weise auch immer) zu formulieren, besteht die Gefahr, das Objekt ernster zu nehmen, als es sich selbst nimmt und sich dadurch lächerlich zu machen – die Lächerlichkeit des Objekts fällt auf den Kritiker zurück. Bleibt die Polemik, die den Apfel nicht kostet, sondern ihn zertritt, die das Objekt nicht retten, sondern es zerstören will. Also Gegenangriff: die Autoren (die nicht über die infantile Begeisterung an Pimmeln und Muschis hinweggekommen sind, aber darin so unfrei sind, dass sie noch drunter schreiben müssen, dass es kein Porno, sondern Kunst ist) selbst lächerlich machen. Doch auch dieser Angriff läuft ins Leere, denn die Lächerlichkeit ist zum Programm erhoben, während jegliches Programm verleugnet wird – eine Provokation, die jede mögliche Reaktion vorweg nimmt, also nicht mal Provokation sein will. Überhaupt nichts wird gewollt. Also erzähle ich eine Geschichte.

Ich wollte etwas. Nämlich einen neuen Wäscheständer, mein alter ist kaputt gegangen. Also spazierte ich am ersten sonnigen Tag dieses Jahres zum Hababusch-Hostel in Weimar, wo ein Flohmarkt stattfinden sollte. Gemütlich schlenderte ich durch einen der Räume, in dem vor allem gebrauchte Klamotten angeboten wurden, bis mich in der hinteren Ecke ein fast ungebrauchter, wunderbar weißer Wäscheständer anstrahlte. Leise pirschte ich mich mit Jagdinstinkt heran und ganz versunken beäugte ich das schöne Teil, es lachte mich an und ich sah es schon, wie es mit meinen schönsten, frisch gewaschenen Kleidern im Badezimmer steht und leise die sanfte Frühlingsbrise durch das offene Fenster über Zwirn und Sammet weht. „Willst du mal hineinschauen?“, diese Worte wecken mich aus den süßen Träumen und ich schaue in ein hornbebrilltes Gesicht mit lässigem Seitenscheitel, das auf den Wäscheständer zeigt. Ich bin verwirrt und verstehe nicht was hier Phase ist – wie soll das gemeint sein, wie soll man in einen Wäscheständer hineinschauen, er hat Beine und Stangen? „Wir arbeiten nur analog“ sagt das Gesicht und ich vollziehe den Blick des Kunststudenten nach und entdecke nun, was ich in meinen Träumen von der Freundschaft mit dem neuen Wäscheständer völlig übersehen haben musste: er liegt voll mit kleinen, offensichtlich selbst gedruckten Zeitschriften im A4-Format. „Ach, das ist eine Zeitschrift…“ frage ich unsicher und nehme schüchtern ein Exemplar in die Hand. Auf einmal fühle ich mich vom ganzen Raum beobachtet, so als wäre ich der einzige hier, der nicht wüsste, worum es geht und nun sind alle gespannt, wie ich auf das reagiere, was sich hinter dem Fuß verbirgt, der aus einer konkav zerklüfteten und scheinbar unfassliche Tiefen verbergenden Vagina strampelt. Ich versuche mich hinter der Zeitung zu verstecken und sehe krakelige Kinderzeichnungen, die mit Schnipseln aus Illustrierten ergänzt sind und mit Schrift hinterlegt sind, die nicht gelesen werden will, weil sie nur aus Großbuchstaben besteht und knallrot ins Auge sticht. Ich sehe, wie im Heft einmal mehr eine Frau zur blutenden, klaffenden Wunde gemacht wird (keine Ahnung ob als Fremd- oder Selbstzuschreibung), aus der rote Tropfen in ein rotes Meer fallen, ich sehe einen wütenden Japaner, aus dessen Kopf seltsame Rauchschwaden ziehen, bleibe an einer Zeile von Hakenkreuzen hängen, die sich jeweils mit kleinen Herzen abwechseln und lese, während die Leute in Griechenland von Deutsch-Europa durch den nächsten Sparkurs gehetzt werden, nachdem die Forderung nach Entschädigungszahlungen für von der SS und der Wehrmacht niedergemetzelte griechische Dörfer abgelehnt wurde, während dies (nicht im Heft, sondern in der Wirklichkeit) geschieht, lese ich also von einem Künstler, der gerne Hakenkreuze malt, weil jedes Hakenkreuz in einem liebevollen oder humorvollen Kontext das deutsche Gewissen erleichtern soll, lese den Kommentar eines Freundes dieses Künstlers, der voll subjektiv auf den Anblick eines Hakenkreuzes reagiert und auch nicht weiß, wer diesen bösen Geist des Hakenkreuzes gerufen hat, ich sehe noch mehr Hakenkreuze, halbe Kühe, halbe Frauen, doppelte Pimmel, zwei Textblöcke, die das World Trade Center darstellen und wo ein Krikel-Krakel Flugzeug reinfliegt, ich sehe Ludwig Erhard, eine qualmende Schreibmaschine, immer mehrKrikel-Krakel und dazwischen immer wieder Textfetzen, die ich, aus welchem Grund auch immer, nicht verstehe. Ich bekomme Angst. Alle um mich herum verstehen. Ich bin der einzige, der nicht versteht. Was will der von mir? Ich bekomme Angst. Wie komme ich raus aus dieser Affäre? Ich glaube, die lassen mich hier nicht ohne weiteres wieder gehen, mir bleibt nichts anderes übrig, ich drücke dem Gesicht 2 Euro in die Hand, gehe langsamen Schrittes Richtung Tür und renne nach Hause. Erst, als ich die Tür hinter mir zugeknallt habe, merke ich, dass ich das Magazin tatsächlich noch in der Hand habe. Ich wollte etwas. Ich wollte einen Wäscheständer. Ich habe keinen Wäscheständer bekommen, aber ein Magazin, das mir Angst gemacht hat. So ein Scheiß. Ich habe mich voll zum Ei gemacht. Das ist alles harmlos. Zu was sind diese Studenten eigentlich nütze? Für was haben ihre Eltern die auf eine Kunst Uni geschickt? Fuck them. Kunststudenten in die Produktion1!

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1     Um Missverständnissen vorzubeugen: Es war das Bauhaus, das sich darum bemühte, in der künstlerischen Produktion einen Standard für eine gesamtgesellschaftliche Produktion zu erreichen.

Antirassistische Stimmen zur Kinderbuchdebatte

Die Rolle von Weißpositionierten im Kampf gegen das rassistische Deutschland

Vor einigen Monaten war die Kinderbuchdebatte populärer Stoff für polarisierende Debatten. Auch wir1 Verfasser*innen dieses Artikels beteiligten uns rege an der Kontroverse. Wir verfolgten die Diskussion um das Herausstreichen von bestimmten Wörtern wie „Wichsen“ aus den Büchern von Ottfried Preußlers Buch „Die kleine Hexe“, was die Debatte in den verschiedensten Zeitungen, aber auch in der gesamten Bevölkerung einleitete. Nicht nur in „Die kleine Hexe“, auch in „Pippi Langstrumpf “ kommt das N-Wort häufig vor und aufgrund des diskriminierenden und „nicht mehr zeitgemäßen“ Inhalts des Wortes wurde dies zum Thema. Ende letzten Jahres weitete sich die Debatte aus bis auf die Forderung, das N-Wort aus Kinderbüchern zu entfernen, was in einer noch viel heftigeren Kontroverse gründete. Wir nahmen im Laufe der Debatte Argumente von Autor*innen auf und argumentierten für die Streichung des N-Wortes. Doch richtig fassen konnten wir das, was uns an der Debatte störte erst, als wir auf einen Artikel stießen, in dem Simone Dede Ayivi das benannte: „Schwarze Menschen werden nicht mitgedacht“2 oder von weißpositionierten3 überhört: „Diese Gruppe [von weißpositionierten] bleibt unter sich und definiert für sich allein, was rassistisch ist und was nicht“4.

Susann Arndt, die unter anderem zum Thema Konstruktion von Weißsein in Literatur aus und über Afrika arbeitet, erkennt „Rassismus […] als Komplex von Gefühlen, Vorurteilen, Vorstellungen, Ängsten, Phantasien und Handlungen, mit denen weiße aus einer weißen hegemonialen Position heraus People of Color und Schwarze strukturell und diskursiv positionieren und einem breiten Spektrum ihrer Gewalt aussetzen“5. Diese von Susann Arndt beschriebene hegemoniale Position von Weißen , ebenso von uns Autor*innen, wurde auch in dieser Debatte all zu deutlich. Das, womit diese Debatte eigentlich zusammenhängt – der alltägliche Rassismus – wurde von weißpositionierten Menschen wenig bis gar nicht kritisch aufgegriffen. Artikel von Betroffenen, die das Thema Rassismus aufgriffen, wurden überhört oder mit hässlichen Kommentaren denunziert. „Wörter sind Waffen“, so der Titel des Artikels der oben zitierten Autorin, zeigt, wie weißpositionierte Gebrauch von ihnen machen und damit die beschriebene hegemoniale Position bestätigen.

Dabei hätte diese Debatte dazu dienen können, den Rassismus einzugestehen, der tagtäglich von weißpositionierten ausgeht, und somit der Versuch, koloniale Altlasten aus unserer Gesellschaft zu entfernen. Da dies bisher noch nicht geschah, hinterfragt der folgende Artikel (selbst-)kritisch, welche Rolle lediglich das, was wir eigentlich bekämpfen wollen – rassistische Strukturen, also auch hegemoniale Machtstrukturen – reproduziert und welche Rolle wir als weißpositionierte Menschen im Kampf gegen das rassistische Deutschland einnehmen sollten.

Welche Rolle wir nicht einnehmen sollten oder welche Aufgaben wir im Kampf gegen Rassismus nicht übernehmen können

Das ist, Empfindungen von Schwarzen und People of Color absprechen. Ob dies als Reaktion auf einen Kommentar geschieht oder ganz unabhängig davon, etwa weil sich eine weißpositionierte Person dazu berufen fühlt, etwas besser zu wissen, steht hier nicht zur Debatte. Beispiele wie „Die fühlen sich bestimmt nicht verletzt“ oder „Das N-Wort zu verwenden ist nicht schlimm“ unterstreichen nur den weißen hegemonialen Anspruch in der Rassismus-Debatte und weiter noch: auch im (vermeintlichen) Kampf gegen Rassismus. Grada Kilomba analysiert in ihrem Buch „Plantation memories“ aus psychologischer Sicht Rassis- muserfahrungen im Kolonialkontext. Sie beschreibt das Trauma, das durch den Gebrauch des N-Worts hervorgerufen wird: Das Wort kann zu Assoziationen führen, die mit dem bloßen Wort verbunden sind, wie Primitivität, Animalismus, Ignoranz, Faulheit, Dreck, Chaos etc. Diese Aneinanderreihungen von sinnähnlichen Wörtern lassen in jedem einzelnen Wort Rassismus erkennen. Schwarze Menschen werden zur Verkörperung von diesen Ausdrücken gemacht. Dabei entsteht eine Hierarchie oder eine bereits bestehende wird verfestigt und es erfolgt eine Übernahme kolonial-rassistischer Strukturen durch Unterdrückung, Beleidigung und Angriff. So wird die Schwarze Person erniedrigt, verletzt und bloßgestellt und die weiße bekommt die Möglichkeit, eine Macht- und Autoritätsposition aufzubauen. . l6.

Die Kinderbuchdebatte scheint ein prägnantes Beispiel für die eben geschilderte Hierarchieentstehung zu sein. Es scheint eine weiße Angewohnheit zu sein, also von Menschen, die nicht die gleichen Diskriminierungserfahrungen gemacht haben, anderen Menschen mit Rassismuserfahrungen zu sagen, wie sie sich zu fühlen haben. Simone Dede Ayivi schreibt in ihrem Artikel „Wörter sind Waffen“, dass sie ständig erklärt bekommt, durch was sie sich berechtigterweise verletzt fühlen darf und was nur ihrer Empfindsamkeit geschuldet sei. Am besten solle sie niemanden darauf aufmerksam machen, dass er*sie gerade ein rassistisches Wort benutzt, sondern sie ihr Empfinden zu dem Wort ändern7. Eine solche Aussage zeigt, wie wenig Menschen und ihre Erfahrungen mit Rassismus ernst genommen werden und wie ihnen die Position zu sprechen und Gefühle zu äußern, aberkannt wird auf Grund einer gesellschaftlichen Position, die nicht einer weißpositionierten entspricht.

Dies führt weiter zu einem nächsten Punkt, zur alltäglichen und jederzeit erkennbaren Präsenz von weißpositionierten Menschen in einer Debatte, die Rassismus beinhaltet, und der Ignoranz darüber, dass Deutschland nicht nur aus weißpositionierten Menschen besteht. Der Zeit-Artikel „Die kleine Hexenjagd“ zeigt sehr gut, wie unwichtig es für den aus weißer Perspektive sprechenden Menschen ist, antirassistische, antisemitische oder antisexistische Sprache zu verwenden. Der Autor* des Artikels benennt die Entfernung von den vom Thienemann Verlag als „veralteten und politisch nicht mehr korrekte Begrifflichkeiten“ bezeichneten Wörter gleich zu Beginn seines Artikels „[…] als Zensur oder Fälschung […]“8.

Sind diese –ismen für den Autor* deshalb nicht relevant, weil er* vermutlich von keiner dieser –ismen betroffen ist? Diese Frage fiel uns unter anderen dazu ein. Zumal sich ein spöttisch-abfallender Ton gegenüber der Relevanz von der Thematisierung von Rassismus in der Sprache heraushören lässt, unser Eindruck als weißpositionierte war und ist, dass mehrere weiße Autor*innen sich über von Rassismus betroffene Menschen stellen und somit die Karte ihrer weißen Überlegenheitsposition ausspielen und behaupten, sie wüssten, wie sich Rassismus anfühlt und was er wirklich bedeutet – was wiederum zu einer Inanspruchnahme von Redehoheit führt. Wer darf bestimmen, welche Begriffe benutzbar und welche rassistisch sind und wer sich wie zu fühlen hat – dies sind Inhalte der sogenannten Definitionsmacht, die so häufig von Weißen nicht nur in Anspruch genommen wird, sondern auch tatkräftig und mit vollem Einsatz umgesetzt wird. Im Kontext der Kinderbuchdebatte lässt sich das an folgenden weiteren Aspekten festmachen: Inhalte, wer spricht am meisten? An wen ist es gerichtet? An wen nicht? Und was wird durch bestimmte Aussagen reproduziert? Ab dem Moment, in dem darüber gesprochen wird, dass es Zensur ist, werden Menschen nicht ernst genommen, die dies gerade als rassistisch empfunden haben. So greifen auch die Autoren* des Zeit-Artikels „Political correctness: Warum wir uns bevormundet fühlen“ die Geschmacklosigkeit dieser Debatte auf und verweisen darauf, dass manche gar die Abgewöhnung vom Rauchen und dem Ausüben von rassistischen Aussagen vergleichen9 und verdeutlichen damit die white supremacy10 in Deutschland. Die koloniale Konstruktion von Schwarzsein und Gesellschaften Schwarzer Menschen und People of Color sitzt tiefer: In Medien sprechen diese so gut wie nie für sich selbst, sind nie Hauptpersonen oder Hauptcharaktere, weder aktiv handelnd noch in sogenannten unmarkierten Rollen (welche für Weiße vorgesehen sind, weil sie vermeintlich weiße Eigenschaften transportieren, die angeblich Schwarze nicht darstellen können).

Worum ging es eigentlich in der N-Wort-Kinderbuch-Debatte? War es ein Schritt im Kampf gegen Rassismus oder war es wichtiger, dass weiße Menschen ihre Meinung sagen konnten, um die Sprechmacht, die sie sowieso den Großteil der Zeit besitzen, nicht zu missen? War der Machtverlust durch den die Bequemlichkeit und die hegemoniale Position störenden Angriff nicht zu ertragen?

Worin wir außerdem unsere Rolle nicht sehen, ist das Aufgreifen einiger Kommentare von People of Color und Schwarzen, in denen sie zum Beispiel das N-Wort selbst verwenden. Doch können wir uns die scheinbare Legitimation für ein Wort holen, das eine ganze Gruppe von Menschen diskreditiert, selbst wenn es eine betroffene Person aus verschiedenen Gründen selbst benutzt? Noah Sow beschreibt die Selbstverwendung von diskriminierender Sprache in ihrem Buch „Deutschland Schwarz Weiss“. Demnach erdulden manche Schwarzen Personen oder People of Color diskriminierende Worte oder verwenden sie selbst, um Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen und um Teil einer weißsozialisierten Gesellschaft, zu der alltägliche Rassismus dazuzugehören scheint, sein zu können11. Dadurch werden diese Worte aber nicht weniger diskriminierend, sondern viel mehr noch Ausdruck einer hegemonialen Gesellschaft, zu der Menschen nur dazugehören können, wenn sie sich bestimmten Unterdrückungsmechanismen anpassen. Im Kontrast dazu kann das Verwenden von bestimmten Wörtern auch ein Ausdruck von Empowerment12 sein. „Wir haben längst bemerkt, dass sich das N-Wort für weiße verbietet, während es auf der Straßen der USA eines der meistgebrauchten Slangwörter ist, mit dem Schwarze eine ganze semantische Palette zwischen Anerkennung und scherzhafter Diminuierung, Solidarität und Selbstpositionierung in einem weißen System ausdrücken“13 schrieben die Autoren* des Artikels „Political cor- rectness: Warum wir uns bevormundet fühlen“ dazu.

Ein weiterer unverständlicher Eindruck zur Debatte war, dass scheinbar diejenigen aus der Debatte ausgeschlossen wurden, die als eigentliche Zielgruppe der betreffenden Bücher gelten, alle Kinder. Als Argument wurde häufig angebracht, dass Eltern mit ihren Kindern über diskriminierende Wörter reflektieren sollten und es daher nicht nötig sei, diese aus Büchern zu verbannen. Nehmen wir nun an, das würden tatsächlich alle Eltern machen, deren Kinder „Die kleine Hexe“ lesen, so sind wir selbst dann skeptisch. Denn es stellt sich die Frage darüber, wie über das N-Wort reflektiert wird. Zum Einen ist es in Bezug auf die N-Wort-Debatte für viele Erwachsene schwierig, sich so auszudrücken, dass es den kognitiven Fähigkeiten von Kindern gerecht wird und zum Anderen können durch unüberlegte Wortwahl rassistische Klischees in Kinderköpfe geraten, wo sie vorher noch nicht vorhanden waren. Die Folge von gar keiner Reflektion und von für Rassismus unsensibilisierten Gesprächen über rassistische Sprache hat Noah Sow in ihrem Buch „Deutschland Schwarz Weiss – der alltägliche Rassismus“ auf den Punkt gebracht, indem sie darauf hinweist, dass unter Anderem rassistische Sprache „[…] Kindern die vermeintliche weiße Überlegenheit näherbringt“14. Wir sind mit diesen diskriminierenden Worten bereits groß geworden und es bedarf viel selbstkritischer Arbeit, um die uns anerzogene vermeintliche weiße Überlegenheit wieder aus dem Kopf zu bekommen. Wenn jetzt also die Möglichkeit herrscht, verletzende Wörter aus dem Sprachgebrauch zu verbannen, sollte diese genutzt werden. Denn nahezu ignoriert wurden vor allem die Folgen für nicht-weißpositionierte Kinder in Deutschland. Bei uns entstand der Eindruck, als würde angenommen, dass sie in Deutschland überhaupt nicht existierten. Selbst nach dem Leser*innenbrief des neunjährigen Kindes Ishema Kane, indem es beschrieb, wie schrecklich es findet, das N-Wort lesen zu müssen, gab es Kommentare, die ihre Gefühle ignorierten und die Debatte schnell wieder auf die eigenen weißen Belange lenkten. Dabei gibt es auch Studien darüber, dass die negative Wahrnehmung von Schwarz- sein durch Rassismus bei Schwarzen Kindern enorme Identitäts- und emotionale Krisen auslösen kann. Folglich ist es erschreckend, dass diese Folgen in der Debatte kaum zur Sprache kamen.

Welche Rolle wir haben/einnehmen sollten oder welche Aufgaben wir im Kampf gegen Rassismus übernehmen können

So gibt es Einiges, was wir als weißpositionierte Menschen tun können Es reicht nicht nur weißen Expert*innen zuzuhören, sondern wir können den Schwarzen und People of Color Stimmen, die es in einer Vielzahl gibt, zuhören, diese unterstützen und sie bestärken. Solidarität ist da ein gutes und wichtiges Stichwort. Einfach nicht rassistisch zu sein ist nicht so einfach, wie es sich vielleicht anhören mag, denn unser Bewusstsein gegenüber unseren eigenen rassistischen Strukturen im Kopf sitzt sehr tief. Der einzige Weg, diese aufzubrechen, besteht wohl darin, an sich selbst zu arbeiten. Sabine Mohamed, die sich intensiv mit Postkolonialismus auseinander setzt, schrieb diesbezüglich: „Ihr kennt die Abwehrmechanismen ziemlich gut, und weil das so ist, müsst ihr nicht reflektieren. Dabei ist es höchste Zeit, mal über den alltäglichen Rassismus und Eure eigene Verstricktheit nachzudenken. Dass ihr das nicht tut, ist vielleicht banal, aber es macht mir Angst, weil Rassismus tötet und das spürt ihr“15.

Außerdem kann solidarisches Einmischen bei weißer Überpräsenz sowie auch das Anprangern von rassistischen Wörtern ein Teil des Kampfes gegen Rassismus darstellen. Dazu gehört auch Sensibilität, zum Beispiel, Schwarze Menschen und People of Color sensibel fragen, ob Unterstützung gewollt wird. Was die großen Punkte „Aufklärung“ und „Sensibilisierung“ angeht, hätte die Debatte sehr gut dazu beitragen können, critical whiteness aufzugreifen – das heißt, Alltagsrassismus einzugestehen und anzuerkennen, dass wir rassistisch aufgewachsen sind und somit einen großen Teil an kolonialen Resten in unserer Gesellschaft und vorneweg in unseren Köpfen einzugestehen. Vor allem sollten wir Kindern die Möglichkeit bieten, ohne Rassismus aufzuwachsen. Kindern, die nicht weißpositioniert werden, sollten wir ermöglichen, dass sie ein selbstverständliches Zugehörigkeitsgefühl entwickeln und sich letztendlich damit identifizieren können, was sie in Kinderbüchern lesen. Wir müssen die Definitionsmacht in Sprache und Handeln bewusst abgeben und nicht immer wieder beanspruchen wollen. Die oben zitierte Autorin* aus dem Tagesspiegel beschrieb das mit den Worten: „Sollen unsere liebsten Kinderbücher auf rassistische Begriffe verzichten, damit sie auch schwarze Kinder und Eltern zu ihren Lieblingsbüchern erklären können? Ja; warum denn eigentlich nicht? Das wäre doch sehr schön! Es wären dann unser aller liebste Bücher“16.

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1     Wir ist hier gemeint als Konstrukt von weißpositionierten Menschen in der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft. Dabei kritisieren wir nun, dass wir eben das nicht gemacht haben, People of Color und Schwarze gefragt, welche Rolle wir einnehmen sollten und welche nicht. Stattdessen haben auch wir unsere eigenen Empfindungen und Eindrücke niedergeschrieben. Als Autorinnen* haben wir zum Großteil Quellen von Personen verwendet die, auf Grund ihrer eigenen Positionierungen in ihren Artikeln, sich nicht als weißpositioniert sehen. Außerdem versuchten wir durch eine bewusste Übergewichtung der Rollen, die wir NICHT einnehmen sollen gegenüber der Untergewichtung der Rollen, die wir einnehmen sollen, darauf aufmerksam zu machen, dass vordergründig nicht wir entscheiden sollten, welche Rolle wir einnehmen können, sondern im Kampf gegen Rassismus den Betroffenen eine Weisungsmacht zuteil kommen lassen.
2     „Rassismus in Kinderbüchern: Wörter sind Waffen“, Simone Ayivi im Tagesspiegel vom 27.10.2008
3     Zur Schreibweise: „Hinsichtlich von weiß entschieden wir uns statt der Großschreibung für eine Kursivsetzung, um den Konstruktcharakter markieren zu können und diese Kategorie ganz bewusst von der Bedeutungsebene des Schwarzen Widerstandspotenzials, das von Schwarzen und People of Color dieser Kategorie eingeschrieben worden ist, abzugrenzen“ (Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt; Mythen, Masken und Subjekte – Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster 2009, S. 13
4      Ayivi 2013
5     Susan Arndt; »Rassen« gibt es nicht, wohl aber die symbolische Ordnung von Rasse. Der »Racial Turn« als Gegennarrativ zur Verleugnung und Hierarchisierung von Rassismus. In: Eggers, Kilomba, Piesche, Arndt 2009, S. 340 – 362
6     Grada Kilomba; Plantation Memories – Episodes of Everyday Racism, Münster 2010
7     Ayivi 2013
8     „Die kleine Hexenhagd“, Ulrich Greiner in der Zeit vom 17.1.2013
9     „Warum wir uns bevormundet fühlen“, Matthias Dusini, Thomas Edlinger auf Zeit-Online, http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-01/Political Correctness-Essay
10     White supremacy ist die Ideologie der weißen Überlegenheit in der Vorstellung, dass verschiedene „Menschenrassen“ existieren würden, und die weiße den anderen überlegen sei
11     Noah Sow, Deutschland Schwarz Weiss. Der alltägliche Rassismus, Münchenm 2009, S. 53f.
12     Empowerment ist ein Begriff, der die politische und soziale Selbstermächtigung von bestimmten, tatsächlichen oder konstruierten Gruppen beschreibt.
13     Dusini, Edlinger 2013
14     Sow 2009, S. 182
15     „Das Wort, das wir nicht aussprechen dürfen“, Simone Mohamed auf Publikative.org, http://www.publikative.org/2012/06/12/das-wort-das-wir-nicht-aussprechen-durfen/
16     Ayivi, 2013

Konformität in der klassenlosen Klassengesellschaft

Ox Y. Moron über den Kampf zum Erhalt der Arbeitsplätze bei Bosch in Arnstadt

Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ist aufgelöst, weil Unternehmer und Arbeiter heute Seite an Seite um das Unternehmen, die Branche oder den Standort kämpfen, wenn dieser in Gefahr gerät – an dieser Einsicht, die Wolfgang Pohrt in seinem neuesten Buch äußert, ist etwas dran. Zwar basiert die Organisation der Hierarchie im Kapitalismus nach wie vor auf der Aneignung fremder Arbeit durch das Kapital – an der objektiv bestehenden Klassenherrschaft hat sich also nichts geändert -, geändert hat sich aber das Bewusstsein bzw. das Wissen vor allem der ausgebeuteten Klasse über diesen Sachverhalt. Wenn ganz aktuell, beispielsweise in Arnstadt, mehrere hundert Arbeitsplätze bei Bosch-Solar zur Debatte stehen, kämpfen die Betroffenen nicht gegen die Klassenherrschaft, unter der sie jahrelang ausgebeutet wurden und dafür nun in der Prekarität landen könnten, sondern sie kämpfen für Fortbestand ihres Ausbeutungsverhältnisses.

Arnstadt erwache

Als wäre das alles nicht schon Tragödie genug, steht die Kampagne der IG Metall auch noch unter der abgewandelten Naziparole „Arnstadt muss leben“. Was hoffentlich unbeabsichtigt war, entbehrt keiner heimlichen Logik. Schließlich waren die Nationalsozialisten die fanatischsten Befürworter eines Arbeitsfetischs, der sauber differenzieren wollte zwischen der guten produktiven deutschen Wertarbeit der einfachen Werktätigen, wie sie auch bei Bosch hochge- halten wird und des spekulativ-gierigen Geschäftemachens des sogenannten raffenden Kapitals, das man heute mit Bänkern, Managern und Aufsichtsräten, früher bzw. in letzter Konsequenz mit den Juden identifizierte.

Und die beispielsweise von Wirtschaftsminister Machnig (SPD) auf der Kundgebung vor dem Werk am 4. April in Arnstadt vorgebrachte Hetze gegen „chinesisches Dumping“, das der guten deutschen Wertarbeit das Wasser abgrabe, geht genau in diese Richtung. Nicht, dass Menschen ausgebeutet werden für einen irrationalen Selbstzweck ist das Problem, sondern dass es andere rentabler tun als die Deutschen.

Vergessene Wahrheiten

Ausbeutung gab es historisch in allen Gesellschaften. Das Besondere der Ausbeutung in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist das Auftreten des Arbeiters als ein über seine Arbeitskraft als Ware verfügendes Subjekt, dessen Ausbeutung juristisch durch die Form eines Vertrages vermittelt wird. Der Arbeiter, formal frei, ist real aber in aller Regel dazu gezwungen, seine Arbeits- kraft beispielsweise an Bosch zu verkaufen, um sein Leben mit all den Bedürfnissen, die man so entwickelt, regeln zu können. Gerne wird dieses Ausbeutungsverhältnis durch allerlei ideologische Kniffe verschleiert, indem man Arbeit als Selbstverwirklichung oder als gemeinsame Anstrengung für einen höheren Zweck überhöht (vor allem Bosch-Solar gibt sich ja gern einen nachhaltig-grünen Anstrich) und sowieso als eine Naturnotwendigkeit fetischisiert. Aber Lohnarbeit ist weder naturnotwendig, noch verwirklicht sie irgendein Selbst und einem höheren Zweck dient sie erst recht nicht. Im Kapitalismus wird nämlich nicht für die menschlichen Bedürfnisse produziert – noch so eine ideologische Falle – sondern um aus Wert mehr Wert zu machen, aus Geld mehr Geld. Der Lohnarbeit kommt hierbei eine ganz bedeutende Rolle zu. Sie ist das Movens aller Wertschöpfung. Der besondere Charakter dieser Ware Arbeitskraft besteht nun darin, dass vereinfacht gesprochen – der Kapitalist die Ware Arbeitskraft für ihren Tauschwert erwirbt, der sich in diesem Fall aus den Reproduktionskosten jener Ware ergibt und sich ihren Gebrauchswert zu nutze macht. Jener Gebrauch – und darin besteht der Unterschied zu anderen Waren und Produktionsmitteln – erschöpft sich in der Regel nicht darin, die Reproduktionskosten der Arbeitskraft zu erwirtschaften, sondern darüber hinaus einen Mehrwert, den der Kapitalist privat aneignet und in der Regel zu einem großen Teil wieder reinvestiert in neue Arbeitskraft und andere Produktionsmittel (Boden, Maschinen, Rohstoffe, etc.). Dieser Tausch der Ware Arbeitskraft gegen ihren Tauschwert nennt Marx einen gerechten Tausch, weil der Kapitalist nichts gegen die Gesetze des Marktes widriges getan hat. Er hat lediglich, wie jeder Warenkäufer eine Ware für ihren Tauschwert erworben und sich ihren Gebrauchswert zu nutze gemacht.1 Diese Nutzbarmachung der Ware Arbeitskraft bzw. die private Aneignung ihres Mehrwertes bezeichnet die analytische Kategorie der Ausbeutung. Das heißt: Jede Lohnarbeit ist Ausbeutung. Ausbeutung ist somit keine moralische Kategorie, die die Überausnutzung der Arbeitskraft bezeichnet, sondern Ausbeutung meint die Aneignung fremder Arbeit überhaupt.

Die Arbeiter bei Bosch-Solar, die für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpfen, kämpfen also in Wahrheit für die Fortführung ihres Ausbeutungsverhältnisses. Sie tun dies nicht mal – zumindest deutet nichts darauf hin – in dem Bewusstsein augenblicklich keine andere Wahl zu haben, um mit dem Arbeitslohn nicht auch ihren Lebensstandard zu riskieren, sondern sie tun dies, weil ihnen die Arbeitsideologie2 wie eine zweite Haut geworden ist, weil ihnen ihre Ausbeutung, genauso wie die gesellschaftliche Entfremdung und Verdinglichung, die damit einhergeht, nicht mehr bewusst als ein Leiden erscheint, sondern als Schicksal, als Naturnotwendigkeit oder als Berufung. In solcher Weise könnte der Widerspruch der Klassengesellschaft zwischen Kapital und Arbeit tatsächlich als aufgelöst betrachtet werden, aufgelöst in totaler Identität der Interessen. Nur noch im objektiven Tatbestand der Ausbeutung und im Leiden jener, denen die Ausbeutung auf verschiedenste Weiseaufstößt, erhält er sich am Leben.

Die klassenlose Klassengesellschaft

Wir leben also heute in einer Gesellschaft, in der der Klassenkonflikt weitgehend niedergelegt wurde, aber das Klassenverhältnis unangetastet fortbesteht; eine Gesellschaft, in der weiter ausgebeutet wird und die Betroffenen ihrer Ausbeutung mit Dankbarkeit nachgehen wollen, weil sie sie gar nicht mehr als solche empfinden – sichtbar beispielsweise bei Bosch in Arnstadt. Adorno hat diese Entwicklung in seinen Reflexionen zur Klassentheorie schon vor über 70 Jahren festgehalten und den Zustand einer solchen befriedeten Klassengesellschaft mit dem Begriff der klassenlosen Klassengesellschaft zugespitzt.

In einer solchen Gesellschaft stehen sich die äußerste Macht der Herrschenden und die äußerste Ohnmacht der Beherrschten unvermittelt gegenüber, was den Klassenunterschied, so Adorno, in Vergessenheit geraten lässt. Der Gedanke daran, dass es jemals anders sein könnte, wird in der Okkupation des Denkens durch die Allgegenwart von Organisation und Technik der Lächerlichkeit preisgegeben, wenn gesellschaftliche Beziehungen durch eine immer lückenlosere Verwaltung des Lebens nach den Gesetzmäßigkeiten der herrschenden Ordnung modelliert werden. Heute sind solche Gedanken eh die Seltenheit, heute versuchen sich die Massen verzweifelt mit den Kapitalisten, wie im Fall Bosch gemein zu machen, die Identität der Interessen herbei zu betteln, damit die Ausbeutung, von der man ja irgendwie lebt und nicht weiß wie sonst, weitergeht. In solchen Verhältnissen, analysiert Adorno ganz richtig, ist „die Allgegenwart der Repression und ihre Unsichtbarkeit […] dasselbe.“ Die Solidarität unter den Ausgebeuteten nimmt ab mit der Tatsache, dass sich die Mehrheit der Menschen nicht mehr als Klasse erfahren kann, das Klassenverhältnis nicht mehr durchschaut. Konformität scheint den Arbeitern heute zweckdienlicher, rationaler als der solidarische Kampf um ein anderes Ganzes. In jene Klasse, die man einmal Arbeiterklasse nannte und damit alle durch Lohnarbeit Ausgebeuteten meinte, ist heute gewissermaßen die Herrschaft eingewandert, sie sind zu Produkten einer entmenschlichenden Gesellschaft geworden. Einsicht in diesen Zusammenhang finden nur noch einige wenige, die mit dem Bildungsprivileg (z.B. Studium) etwas anzufangen wussten oder um nochmal Adorno zu zitieren: „Kritik am Privileg wird zum Privileg: so dialektisch ist der Weltlauf.“

No way out?!

In der Analyse der klassenlosen Klassengesellschaft steckt der Tendenz nach eine Dystopie, die möglicherweise schon sehr real geworden ist: Die Dystopie einer Gesellschaft, in der die Menschen die Herrschaft der gesellschaftlichen Verhältnisse derart verinnerlicht haben, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse gänzlich der Totalität jener Verhältnisse entsprechen, in der es des Faschismus als Krisenoption des Kapitalismus nicht mehr bedarf, weil die Menschen sich ohne ein direktes Gewaltverhältnis alles gefallen lassen wollen, was nötig ist, um unterm Kapitalverhältnis weiterzuleben. In einer solchen Gesellschaft wird selbst Ideologie zunehmend überflüssig, weil die desillusionierten Menschen ihrer nicht bedürfen, um sich wehrlos in ihr vermeintliches Schicksal zu fügen und sich jedes noch erfahrene Leiden als naturnotwendig zu rationalisieren. Auf die Menschen bei Bosch trifft das nur bedingt zu. Sie glauben noch an die Segnungen des Kapitalismus, wollen nicht einsehen, dass die Schließung ihres Werks im ökonomischen Kalkül des Unternehmens liegt. Schließlich leisten sie wertvolle Arbeit im Interesse der Energiewende und haben dem Konzern über Jahre satte, freilich staatlich subventionierte, Gewinne eingebracht. An ihnen kann es also nicht liegen und von strukturellen Problemen im entwickelten Kapitalismus will man lieber nichts wissen.

Damit kommt eine andere sich tendenziell anbahnende Möglichkeit der Verarbeitung von ökonomischen Krisen in Frage. Sie ist bereits angedeutet worden: die Projektion der Schuld für die Krisenfolgen auf vermeintliche Verantwortliche, wie sie im strukturellen Antisemitismus zu Tage tritt. Hier soll nun, wie beim Fall Bosch, die Unternehmensführung verantwortlich sein für ein Verhältnis, das Kapitalist und Prolet gleichermaßen am Laufen halten. Bosch ist dabei alles andere als ein Einzelfall. Im krisengeschüttelten Griechenland beispielsweise, wohin die radikalen Linken aus Erfurt ihre Hoffnungen auf Rettung verlagert haben, steigen vor allem die Wahlergebnisse der Populisten und die Selbstmordraten. Im kriseninduzierten Selbstmord schlägt das Subjekt im Stande seiner gesellschaftlich-produzierten Überflüssigkeit nicht nach außen, wie im Rassismus oder Antisemitismus, sondern zieht die falsche Konsequenz gegen sich selbst. „Bleibt kein Ausweg, so wird dem Vernichtungsdrang vollends gleichgültig, worin er nie ganz fest unterschied: ob er gegen andere sich richtet oder gegens eigene Subjekt“, schrieb Adorno bereits 1945.

Was auch immer die zukünftige Entwicklung bringt, die Perspektive, die ich hier aufzeige, ist eine düstere. Kriterium von Wahrheit ist eben auch nicht ihre Gefälligkeit. Einen Plan, der uns rettet, habe ich nicht parat. Worin ich mir aber ziemlich sicher bin, ist, dass Menschen, die die Gesellschaft bewusst und planvoll verändern wollen, sie zunächst verstehen müssen. Zu solchem Verständnis, zur kompromisslosen Aufklärung über die gesellschaftlichen Verhältnisse beizutragen, wäre die Aufgabe der radikalen Linken. In diesem Sinne impliziert radikale Kritik, die die Herrschaft der Verhältnisse bloßstellt, deren Aufhebung und unsere Rettung, indem sie das vielfach verdrängte Leiden an dieser Gesellschaft zunächst wieder beredt werden lässt, es zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung macht und in Konsequenz aufheben will.

Zarte Ansätze einer solchen Intervention bei Bosch in Arnstadt gab es bisher lediglich durch ein Flugblatt der AG Gewerkschaft der Antifa Arnstadt-Ilmenau. Die sozialdemokratische Linke von der SPD, über die Einheitsgewerkschaft DGB bis zur Linkspartei war damit beschäftigt die potentiellen Mitglieder und Wähler durch Zujubeln in ihrem Kampf für die Fortführung des Ausbeutungsverhältnisses zu unterstützen und erwies sich damit als Teil jener Einheitsfront, die dem Kapitalverhältnis seine Unbesiegbarkeit mit jeder ihrer Regungen beteuert.

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1     Nicht vergessen werden darf dabei freilich, dass in diesem gerechten Tausch ein objektives Unrecht liegt, das schon darin besteht, dass die Möglichkeit wer nun Arbeitskraft-Käufer, also Kapitalist wird und wer Arbeitskraft-Verkäufer, also Arbeiter wird, notwendig ungleich verteilt sind und eine Gesellschaft, die den Gesetzes des Marktes konform wäre niemals denkbar ist, in der alle Kapitalisten sind und fremde Arbeit aneignen. Irgendwer muss schließlich auch arbeiten.
2     Zur Arbeitsideologie siehe den im Flyer der AG Gewerkschaft der Antifa Arnstadt-Ilmenau dokumentierten Text von Stephan Grigat: http://agst.afaction.info/archiv/576/flyer.pdf

Schilderpolitik

Karl Meyerbeer über das Verhältnis von Moral und Politik

Liebe Leute, sexistisches, rassistisches, homophobes, transphobes, antisemitisches, ableistisches, nationalistisches, etc. Verhalten ist hier nicht erwünscht. Wenn Ihr solches Verhalten mitbekommt oder selbst betroffen seid, wendet euch an die Menschen im veto. Wir unterstützen euch!

Dieses Schild hängt im veto, ich habe es selbst mit diskutiert und aufgehangen. Ich finde, es gibt gute Gründe, darauf zu insistieren, dass Menschen sich nicht scheiße verhalten. Aber irgendwie kommt mir das Schild doch verkehrt vor und ich möchte begründen wieso.

Gesellschaftliche Verhältnisse

Ich gehe mal davon aus, dass Rassismus, Sexismus und die anderen Ismen gesellschaftliche Verhältnisse sind. Die im Schild angesprochenen Verhaltensweisen sind eingebunden in handfeste soziale Strukturen. Sie darauf zu reduzieren, dass Menschen sich anständig verhalten, ist dagegen nur begrenzt wirksam. Sich darauf zu konzentrieren, bei Einzelnen pädagogisch zu wirken oder sie auszuschließen, wenn die Belehrung nicht greift, hat nur eine sehr begrenzte Reichweite. Schon die Formulierung macht deutlich, wie wenig diese Praxis gesellschaftliche Strukturen angreifen kann. „Verhalten“ soll draußen bleiben, und vielleicht haben wir beim Formulieren geahnt, dass rechtliche Strukturen, Eigentumsverhältnisse, Diskurse und verinnerlichte Deutungsmuster nicht vor der Ladentüre aufhören.

Die Stärke an unserem Schild ist, dass die normale Ausschluss-Logik herumgedreht wird: In jeder beliebigen Kneipe setzen Macker und Sexisten die Standards und wenn Dir das nicht passt, musst Du zu Hause bleiben. Wenigstens das soll im veto herumgedreht werden. Im schlechtesten Falle hat diese Praxis aber die Logik, die Verantwortung für das Weltböse den Einzelnen aufzubür- den – nicht mehr das Patriarchat, der Abtreibungsparagraph §218 und die sexistische Strukturierung des Arbeitsmarkts sind das Problem, sondern der Macker. Die politische Perspektive, die sich daraus ergibt, ist eine individuelle: Gelöst werden Probleme nicht durch ein kollektives Aufbegehren, sondern durch Reflexion und individuelle Verhaltensänderung. Und die schafft ein hyperreflektiertes Ich-Ideal mit der selbst auferlegten Verpflichtung, an jeder Stelle voll bewusst jede Reproduktion – alles, was die Verhältnisse abbildet – unterlässt und damit im schlechtesten Falle die Einzelnen entmächtigt – denn jede geschlechtliche Deformation aus Denken, Fühlen und Handeln auszuschließen, bedeutet oft so was ähnliches, wie den Kopf auf den Rücken zu drehen.

Die „Herrschaft des Fühlens“

In Teilen der Radikalen Linken – ganz ausdrücklich möchte ich darauf hinweisen, dass es auch das Gegenteil gibt – ist diese Konzentration auf die Einzelpersonen eingebettet in ein Klima, das ich polemisch als „Herrschaft des Fühlens“ bezeichnen möchte. Teilweise hat man den Eindruck, dass zur Beurteilung eines Konfliktes die Frage, wie sich Menschen dabei fühlen, die entscheidende Kategorie ist. Als Hinweis auf einen grundsätzlich zugewandten und empathischen Umgang miteinander ist das Fühlen ja eine feine Sache, wenn es jedoch zum Kern der Weltsicht wird, verstellt es die Sicht darauf, dass es durchaus eine Menge Leute gibt, die sich mit dem letzten Scheiß gut fühlen. Außerdem machen es viele durchaus sinnvolle und gute Dinge nötig, dass man sich auch mal schlecht fühlt – z.B. den Liebsten nicht mit der eigenen Eifer- sucht auf die Nerven zu gehen oder sich als Mann doch mal um den Haushalt zu kümmern. Gerade weil die Verhältnisse nichts Äußerliches sind, zu denen wir uns frei und unbeschwert ins Verhältnis setzen können – mit anderen Worten, weil das in den Fokus genommene Verhalten keine individuelle Entscheidung ist, sondern allzu oft ein gesellschaftlich präformiertes Skript, das abgespult wird – sind die Verhältnisse in uns drin: Es ist klar, dass es Männern leicht fällt, das große Wort zu führen, dass Frauen eher nett und lieb sind und sich kümmern, dass Bürgerkindern die Bildung in den Schoß fällt etc. etc. Demzufolge ist es klar, dass man sich nicht gut damit fühlt, gegen diese verinnerlichten, eingeschriebenen Geschichten vorzugehen. Wenn „sich schlecht fühlen mit etwas“ bedeutet, dass man dieses etwas unterlässt, droht ganz schnell die Gefahr, sich in der eigenen gesellschaftlichen Natur einzurichten statt dagegen aufzubegehren. Das soll nicht heißen, dass es nicht wichtig und richtig wäre im Kleinen anzufangen, sich selbst zu thematisieren, pädagogisch und karitativ tätig zu sein, kein Arschloch zu sein – es reicht nur nicht.

Moral als ethische Grundierung

Wir brauchen Moral als Grundlegung von gesellschaftlicher Praxis, denn wenn es nicht darum geht, dass es den Menschen gut geht, worum dann? Moral und Verhaltensregeln können auch eine gute Strategie sein, um an bestimmten Punkten Verhaltens- und Einstellungsänderungen zu erreichen. Letztlich erlaubt es das Insistieren darauf, dass das „Wie fühle ich mich“ wichtig ist, eigene Räume erträglicher zu gestalten und dem falschen Ganzen wenigstens dann und wann mal ein paar nette Stunden abzuringen. Wo Moral, Fühlen und das Kleine zur zentralen Perspektive werden, ist das kleinbürgerlicher Scheiß: „Es muss jeder bei sich selber anfangen“, ja, danke, Sozialkundelehrer. Stattdessen geht es darum, mit den vielen Ebenen von Gesellschaft umzugehen. Es gibt riesige und abstrakte gesellschaftliche Strukturen, kleine verletzliche Menschlein und dazwischen jede Menge Diskurse und Institutionen. Damit überhaupt eine Chance für Veränderung da ist, müssen wir auf jeder Ebene angreifen: nett sein und hassen, uns umeinander kümmern und gemeinsam kämpfen. Und wenn sich jemand mit diesem Text nicht gut fühlt, wünsche ich mir, dass das der Anfang und nicht das Ende der Auseinandersetzung ist.

Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem selben Problem bietet der Text „Stolz und Vorurteil“ von Ayşe K. Arslanoğlu in der Out of the Box 2 (2012)

Probleme der Πρaξις und die Geheimnisse der schönen Seele

Lukas will eine Debatte um die Möglichkeiten der Anti-Politik anstoßen. Der Autor hat unter verschiedenen Pseudonymen in der „Vielfalt“-Broschüre und anderen Publikationen geschrieben.

In der in Erfurt kursierenden Broschüre mit dem Titel „Stadt der Vielfalt?“, deren erfreuliches Ergebnis es unter anderem die „Lirabelle“ ist, waren zwei Artikel enthalten, die sich mit der Kritik an der linken Demo mit dem Titel „Der Frust muss raus“ beschäftigt haben. Diese Demonstration hatte am 13. Oktober 2012 stattgefunden und sollte eine Reaktion auf die im vergangenen Jahr deutlich zugenommene Nazi-Gewalt in Erfurt sein und auf die Ignoranz von offiziell städtischer Seite diesem Problem gegenüber hinweisen. In der „Vielfaltbroschüre“, die unter anderem eine Nachbereitung dieser Demonstration beinhaltet hat, fanden sich nun zum einen der Redebeitrag der Antifagruppe Arnstadt-Ilmenau (AAI) abgedruckt, der den Titel „Zur Notwendigkeit kategorialer Gesellschaftskritik“ trug, der auf einige „kategoriale“ Fehler des Demoaufrufes hingewiesen hat, und zum anderen ein Text mit dem Titel „Gedanken über das Verhältnis kategorialer Kritik und konkreter Politik“ von Eva Felidae, der deutlich machte, dass Aspekte der Kritik der AAI auch im Vorbereitungskreis zur Demo diskutiert worden waren. Letzter Text hat sich bemüht, zwei Positionen innerhalb dieses Vorbereitungskreises darzustellen: Position A ginge es um die Anerkennung zivilgesellschaftlichen Engagements und um eine Akzentverschiebung innerhalb des herrschaftlich konstituierten Politik-Feldes, während Position B antipolitisch motiviert sei, was eine Konfrontation mit „zivilgesellschaftlichen und bürgerlichen Positionen“ beinhalte und einen Angriff auf die falschen Vorstellungen dieser Akteure und deren zugrunde liegender Identität erfordere. In ihrem Fazit tendierte die Zusammenfassung zur Zustimmung zu Position B. Ich möchte im Folgenden mit einigen frustrierten Gedankenblitzen in diese Debatte eingreifen.

Langweilige Demos und die langweilige Kritik daran

Zunächst will ich feststellen, das ich eine Kritik der linken Demo-Praxis im Allgemeinen und eine Kritik an der „Frust-Demo“ im Besonderen für äußerst notwendig halte und dass die beiden Texte dabei wichtige Punkte benannt haben. Insbesondere halte ich es für richtig, darauf zu insistieren, dass eine radikale Veränderung dieser Gesellschaft auch einen Bruch mit herrschenden Rollenmustern und Identitäten bedeuten muss und dabei auch vor linken Identitäten keinen Halt machen darf. Die Kritik bürgerlicher Subjektivität, die Dreh- und Angelpunkt beider Texte ist, muss zudem ein wichtiger Teil dessen sein, was man im Zuge marxistischer Debatten „Kritik der Politik“ genannt hat. Und man könnte beide Texte darüber hinaus dahingehend ergänzen, dass der Eindruck der besagten „Frust-Demo“ war, dass hier alles andere geschehen ist, als dass von Nazigewalt und von den Verhältnissen frustrierte Leute, einmal ihrem Unmut, von den alltäglichen Fesseln ungehemmt und konventionelle Grenzen überschreitend, Luft gemacht haben. Stattdessen wirkte der Demo-Trott auf mich eher als eine Pflichtveranstaltung von Leuten, die anscheinend so wenig wütend sind, dass ihnen nichts weiter einfällt, als das übliche Programm zu fahren: Latschdemo, heruntergeleierte Redebeiträge mit der gekünstelt wütend herausgerufenen Schlussparole und das anschließende Abfeiern des eigenen Erfolgs, den man an der Anzahl der Demo-TeilnehmerInnen bemisst, während letztere zum Applaus hierüber permanent vom Lautsprecherwagen aus motiviert werden müssen. Doch der letzte Kritikpunkt – anstatt wirklich wütend zu sein, das linke Gewohnheitsprogramm abzuleiern – trifft letztlich auch die beiden AutorInnen der besagten Texte. Auf jeder Provinz-Demo gehört es inzwischen dazu, dass auch ein paar mitgereiste Antideutsche dabei sind, die einen Redebeitrag vorlesen, der die Demo und ihren Aufruf kritisiert. Die damit Gemeinten sind daran so gewöhnt, dass hieraus nicht einmal eine Debatte entspringt und sich das Szenario dementsprechend nach ein paar Wochen einfach wiederholt.1 Unabhängig von dieser formellen Langeweile, glaube ich, dass die in beiden Texten ausgeführte Kritik haarscharf das verfehlt, was eine Kritik der Politik sein müsste.

Abstrakter Indifferentismus

Dabei verstrickt sich der Redebeitrag der AAI in einen heillosen Selbstwiderspruch. Wird am Anfang des Beitrages moniert, dass der Demo-Aufruf suggeriere, dass dem Rassismus allein „durch gutes Zureden und Argumentieren“ abgeholfen werden könne, dass dem entgegengesetzt aber „den sich hinter den Rücken der Menschen Geltung verschaffenden politökonomischen Konstitutionsbedingungen bürgerlicher Subjektivität“ allein durch Aufklärung nicht beizukommen wäre, so ist die Quintessenz des ganzen Textes doch nichts als der Versuch einer Aufklärung. Den Bruch mit den herrschenden Formen der Subjektivierung, den die Antifas herbeiführen wollen, stellen sie sich als das Ergebnis einer reinen Reflexionstätigkeit vor. Eva Felidae spricht dies auch in ihrer Beschreibung der „Position B“ aus: „Eine linksradikale Position muss sich als anti-politisch verstehen, wenn sie sich in die praktische Vermittlung ihrer Theorie, d.h. in Konfrontation mit zivilgesellschaftlichen und bürgerlichen Positionen, begibt.“ Das, was hier als radikal vorgestellt wird, erschöpft sich in der Vermittlung von Theorie, was man nur aus Distinktionsgründen nicht als Agitation oder Propaganda bezeichnet. Ihr Fazit lautet dann auch dementsprechend: „Eine linksradikale Kritik muss daher den Schluss ziehen, was zu erkennen bleibt: der einzig richtige Imperativ, diese Gesellschaft, alle gewaltförmigen Verhältnisse abzuschaffen. In der kollektiven Erkenntnis dieses Imperativs wird er zugleich vollzogen und die Frage nach dem ›Was tun?‹ obsolet.“ Der Schluss der ganzen Kritik läuft also darauf hinaus, dass es lediglich um das Problem einer Erkenntnis gehe. In der Erkenntnis eines Imperativs soll die Frage danach, was denn eigentlich zu tun ist, um Ausbeutung und Herrschaft erfolgreich abzuschaffen, obsolet werden. Charakteristisch für diese Position ist ein eigentümlicher Indifferentismus: Das Ziel – die Überwindung der bestehenden Verhältnisse und die Errichtung einer Gesellschaft von frei assoziierten Produzenten, die sich auch den bisher vorherrschenden Fetisch-Formen entledigt haben – muss zwangsläufig abstrakt gegen jeden Versuch prallen, dies in die Tat umzusetzen.

Im Redebeitrag der AAI klingt das so: „Die nachhaltige Beendigung des Rassismus und die Abschaffung der herrschenden Produktionsweise bedin- gen sich also notwendig gegenseitig, wenn Rassismus wie übrigens auch Antisemitismus aus der politökonomischen Konstitution bürgerlicher Subjektivität entspringen. Die Konsequenz der politischen Linken kann demnach nur die sein, das Kapitalverhältnis abzuschaffen, bevor das Kapitalverhältnis damit fortfährt die Menschen abzuschaffen.“ Der Gedankengang, der hier vorgestellt wird, funktioniert so: Man findet eine linke Praxis vor, die offensichtlich nicht (oder nur mäßig) dazu in der Lage ist, Ideologien, die der Vergesellschaftungspraxis im Kapitalismus entspringen, etwas wirksam entgegenzusetzen. Also rechnet man den Linken vor, dass das, was sie bekämpfen wollen, genau dieser Vergesellschaftungspraxis entspringt. Dem folgt aber nicht mehr, als dass man dem linken Praxis-Versuch eine ganz allgemeine und unkonkrete Parole entgegenstellt, der man natürlich nichts anderes als zustimmen kann: Abschaffung aller Verhältnisse, in denen der Mensch, bla bla bla. Unabhängig davon, dass die meisten Praxis-Versuche der versprengten Linken tatsächlich folgenlos bleiben, merken die kritischen KritikerInnen nicht, dass sie das Problem der Praxis und ihrer Voraussetzungen einfach umschippert haben. Übrig bleibt die Geste einer gerümpften Nase und des hochgezogenen roten Samthandschuhs – der kritische Kritiker des linken Aufklärers ist doch nichts anderes als ein besserwisserischer Aufklärer. Die Hamburger Kapelle Tocotronic spielt ihm seine postmoderne Melodie vor: „Ich bin kein Mensch in der Revolte, die Revolte ist in mir.“

Marx und die Kritik der Politik

Dem wäre entgegenzuhalten, was Kritik der Politik wirklich meint. Wenn ich hierzu einige Ausführungen in Bezug auf Karl Marx anstelle, dann nicht, weil der olle Bärtige es eh‘ schon immer gewusst hat und sich derjenige am besten selbst gefallen darf, der ihn am treffsichersten zitieren kann, sondern deshalb, weil er im Kontext der beiden genannten Texte ein wichtiger Bezugspunkt sein dürfte und ein Bezug auf Marx deshalb sinnvoll sein kann, um die Widersprüche in der Debatte klarer hervortreten zu lassen. Man kann konstatieren, dass im Gesamtwerk von Marx zwei Teilbereiche eine besondere Rolle spielen: Die Kritik der Ökonomie und die Kritik der Politik. Beide Gegenstände bedingen sich in ihrer Kritik gegenseitig, denn einerseits setzt das gesellschaftliche Klassenverhältnis, in dem die einen Besitzer von Produktionsmitteln sind, während die anderen nichts als ihre Arbeitskraft besitzen, voraus, dass die Besitzlosen einmal von den Produktionsmitteln – also den Bedingungen zur Verwirklichung ihrer Arbeitskraft – enteignet wurden und dies konnte historisch nicht anders geschehen als durch politische Gewalt. Andererseits erzeugt die gesellschaftliche Praxis von voneinander unabhängigen PrivatproduzentInnen quasi automatisch jenen allgemeinen gesellschaftlichen Ausschuss, den wir als Staat kennen – weil sich die einzelnen Kapital-Interessen gegenseitig widersprechen, müssen sie sich im bürgerlichen Staat miteinander vermitteln. Herrschaft und Eigentum, anders gesagt: politische Form und ökonomische Form bedingen sich wechselseitig – es ist kein Privateigentum ohne bürgerlichen Staat, der die Unverletzlichkeit des ersteren garantiert, denkbar. Während der erste Bereich – die Kritik der Ökonomie – in Marxens Hauptwerk eine systematische Ausformulierung gefunden hat, finden sich zur Kritik der Politik nur wenige Stellen, in denen Marx klar und deutlich Position bezogen hat. Er hat dies vor allem in drei Texten getan, an denen sich ausführen lässt, was es mit der Kritik der Politik auf sich hat: Im „Kritik des Hegelschen Staatsrechts“, im Text „Zur Judenfrage“ (beide von 1844, MEW 1) und im Zirkular der Internationalen Arbeiterassoziation über die Pariser Kommune, „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ (von 1871, MEW 17). Während die ersten beiden Texte einen Fokus auf das Subjekt der Politik legen, führt letzterer Text in einer historischen Analyse aus, wie moderne Nationalstaatlichkeit entstanden ist und sich möglicherweise überwinden lässt.

Entfremdung von der eigenen Gesellschaftlichkeit

Das Problem des politischen Subjekts besteht nach Marx in der Zerrissenheit der bürgerlichen Persönlichkeit: sie zerfällt in den bourgeois auf der einen Seite, der sich privat reproduzieren muss und egoistisch seinen privaten Geschäften folgt und in den citoyen auf der anderen Seite, der Staatsbürgersubjekt ist und sich mit anderen Staatsbürgern über die Belange der Allgemeinheit berät. Aus dieser Zerrissenhei entspringt ein Blumenstrauß von Ideologien – denn das Staatsbürgersubjekt, das sich immer als souverän Handelndes verstehen muss, muss daher seine privaten Voraussetzungen von sich abspalten. Freiheit und Gleichheit kann sich das bürgerliche Subjekt nur deswegen als real existent vorstellen, weil es die reale Unfreiheit und Ungleichheit im Privatleben verbirgt. Weil es andererseits nicht in der Lage ist, diese Ungleichheiten als gesellschaftlich hervorgerufen und bedingt zu begreifen – denn die Sphäre des Vertrags geht ja wirkmächtig von Freien und Gleichen aus –, muss es die Existenz des Staates als lebensnotwendig erachten. Weil es seine privaten Bedingungen und egoistischen Interessen nicht von selbst gesellschaftlich vermitteln kann, braucht es den Staat, der die gesellschaftliche Qualität alles Tuns und Werkelns institutionalisiert und darin von den einzelnen bourgeois verselbstständigt und entfremdet. Nicht staatlich miteinander vermittelte Einzelinteressen sind für den Bürger nur als Mord und Totschlag vorstellbar, während der Staat das Recht auf Gewaltanwendung monopolisiert. Dementsprechend fordert Marx in den beiden erstgenannten Schriften, dass der bourgeois den citoyen in sich zurücknehmen müsse – das heißt, dass die privaten Menschen sich ihrer gesellschaftlichen Qualitäten bewusst werden und ihre Vermittlung in die eigene Hand nehmen müssen. Diese Zurücknahme des citoyen in den bourgeois macht konsequenterweise jede staatliche Vermittlung überflüssig. Marx spricht dies bspw. folgendermaßen aus: „In der Monarchie z.B., in der Republik als einer nur besondern Staatsform, hat der politische Mensch sein besonderes Dasein neben dem unpolitischen, dem Privatmenschen. Das Eigentum, der Vertrag, die Ehe, die bürgerliche Gesellschaft erscheinen hier […] als besondre Daseinsweisen neben dem politischen Staat, als der Inhalt, zu dem sich der politische Staat als die organisierende Form verhält […]. In der Demokratie ist der Staat als Besondres nur Besondres, als Allgemeines das wirkliche Allgemeine, d.h. keine Bestimmtheit im Unterschied zu dem andern Inhalt. Die neueren Franzosen haben dies so aufgefaßt, daß in der wahren Demokratie der politische Staat untergehe. Dies ist insofern richtig, als er qua politischer Staat, als Ver- fassung, nicht mehr für das Ganze gilt.“ (MEW 1, S.231f) Jenseits der hier für die Darstellung immanent notwendigen, aber für philosophisch ungeschulte LeserInnen schwer nachvollziehbaren Begriffsbestimmungen von Allgemeinem, Besonderem und Ganzem sowie von Form und Inhalt, ist hier entscheidend, dass es die Entgegenstellung von bürgerlicher Gesellschaft als Sphäre der Privatinteressen und politischem Staat als Sphäre des Allgemeinen, nach Marx in einer „wahren Demokratie“ nicht mehr geben soll. Ich habe diese Stelle aber vor allem deswegen herausgesucht, weil Marx hier von den „neueren Franzosen“ spricht und darin deutlich wird, was Voraussetzung und Fluchtpunkt seiner theoretischen Auseinandersetzung war: Dazu, sich mit den schwierigen Fragen von Staat und Gesellschaft herumzuschlagen, wurde Marx nämlich entscheidend von der französischen Revolution und der darauf folgenden Revolutionsepoche inspiriert, während er sich ähnliche Umwälzungen auch für Deutschland wünschte, aber schließlich vom Verlauf der 1848‘er Revolution schwer enttäuscht wurde.

Es schien so, als ob im weiteren Verlauf der Geschichte Frankreich jenes Land bleiben sollte, von dem die wichtigsten Impulse zu einer umfassenden Umgestaltung der Gesellschaft im globalen Maßstab ausgehen würden. Als im Jahre 1871 der Aufstand der Pariser Kommune ein machtvolles Fanal für die weltweite revolutionäre Arbeiterbewegung wurde, jedoch von der französischen Bourgeoisie unter Aufsicht der preußischen Militärs blutig niedergeschlagen wurde, hatte Marx sich freilich theoretisch entscheidend weiterentwickelt. In seiner Analyse der modernen Nationalstaatlichkeit, exerziert am Beispiel des Übergangs des Absolutismus in eine bürgerliche Republik in Frankreich, spielen dementsprechend die konkreten historischen und materiellen Voraussetzungen und Bewegungstendenzen jener Zeit eine wesentlich größere Rolle, als in seiner immanenten Kritik am Großphilosophen Hegel. Auch ist hier kaum noch von einem Ideal der Demokratie die Rede und die Staatskritik Marxens hatte sich radikalisiert. In seiner Betrachtung der Pariser Kommune entpuppte sich Marx als „Theoretiker des Anarchismus“ (Maximilien Rubel): für ihn war die Pariser Kommune „nicht eine Revolution gegen diese oder jene – legitimistische, konstitutionelle, republikanische oder kaiserliche – Form der Staatsmacht. Die Kommune war eine Revolution gegen den Staat selbst, gegen diese übernatürliche Fehlgeburt der Gesellschaft […].“ (MEW 17, S. 541) Was aber die Frühschriften Marxens mit seiner späteren Analyse verbindet, ist ein ähnlicher Gedanke – so wie der bourgeois den citoyen in sich zurücknehmen solle, so hat, laut Marx, die Gesellschaft in der Pariser Kommune die Staatsgewalt in sich zurückgenommen und darihabe die revolutionäre Arbeiterklasse historisch die politische Form ihrer Emanzipation entdeckt.

Voraussetzungen und Fluchtpunkt kategorialer Kritik

Die ganze Dimension der Marxschen Staatskritik konnte ich bis hierher und in diesem Rahmen freilich nicht ausführen. Aber ich wollte damit eines deutlich machen: die Ideen, einerseits das Subjekt der Politik zu erschüttern und abzuschaffen, so wie andererseits der Staat unmissverständlich abzuschaffen ist, – also das, was Kritik der Politik als Kritik der entfremdeten politischen Formen tatsächlich heißt – bezog Marx nicht aus den luftigen Sphären reiner Selbstreflexion, sondern sie entsprangen einerseits aus gesellschaftlichen Kämpfen, so wie sie andererseits aus sich heraus fordern mussten, sich in einer Zuspitzung dieser Kämpfe zu radikalisieren und zu verwirklichen. Ohne die französische Revolution und ohne den Aufstand der Pariser Kommune wäre Marx schwerlich auf solche Gedanken gekommen. Was im letzteren Fall interessant sein dürfte, ist, dass Marx dazu in der Lage war, bestimmte Tendenzen der Wirklichkeit – deren Teil die wirkliche Bewegung ist, die den jetzigen Zustand aufhebt – zu lesen und wahrzunehmen, die sich jedoch niemals in ihrer Reinform in dieser Wirklichkeit zeigen. So gab es zwar in der Pariser Kommune zahlreiche Dekrete und Ratsbeschlüsse, die Nachtarbeit verboten, Brotpreise auf ein erträgliches Maß reduzierten, Politikergehälter auf die Höhe eines gewöhnlichen Arbeitergehalts herabstuften, zum Teil sogar verlassene Privatbetriebe in genossenschaftliche Produktion überführten und damit Produktionsmittel praktisch kollektivierten, etc. – also alles Maßnahmen, die sich in ihrer Tendenz als kommunistisch bezeichnen lassen. Im Vorhaben, das Privateigentum in dieser Situation unumkehrbar abzuschaffen, verhielten sich die Pariser Kommunarden jedoch auf eigentümliche Weise zurückhaltend – die Reichtümer der Nationalbank blieben ebenso unangetastet wie die Betriebe jener Bürger, die sich nicht nach Versailles verdünnisiert hatten. Marx hat diese Zögerlichkeit der Kommunarden kritisiert, ebenso wie er andere Fehler im Verlauf dieses Aufstandes aufgearbeitet und kritisiert hat. Aber er wäre niemals auf die Idee gekommen, sich daneben zu stellen, die Nase zu rümpfen und zu nuscheln: Nein, Nein, das ist aber nicht der Kommunismus. Der Kommunismus ist eben keine Idee, sondern eine Bewegung, die sich notwendig durch Widersprüche hindurch vollziehen muss.

Dies ist für die Debatte über Realpolitik vs. Antipolitik deswegen entschei- dend, weil in Marxens Ausführungen deutlich wird, dass kategoriale Gesell- schaftskritik ihre Voraussetzung in Praxisversuchen und historischen Taten hat, denen gegenüber sich Kritik nicht indifferent verhalten kann, sondern ihre Impulse selbst aufgreifen muss. Ein kategorialer Bruch kann niemals ein reines Gedankending sein, sondern er muss ein realer Bruch in der Praxis sein2. Selbst in denjenigen historischen Momenten, in denen jede mögliche Praxis verstellt zu sein scheint, darf sich eine theoretisch-kritische Perspektive nicht mit kritischen Gesten und reiner Haltung begnügen – sie muss sich Rechenschaft über ihre eigenen praktischen Bedingungen ablegen (denn auch die radikalste Kritik gebiert sich nicht aus sich selbst), die über sich selbst hinauszutreiben sind. So wie gegen Theoriefeindschaft und Pseudo-Praxis anzugehen ist, so ist es doch wenig hilfreich, sich permanent einzureden, dass überhaupt keine kritische Praxis jenseits der Praxis der Theorie möglich sei. Die objektiven Bedingungen einer revolutionären Umwälzung sind nach wie vor gegeben, erkennbar und spitzen sich permanent zu – „nur“ sind die Revolutionäre von ihnen getrennt. Die eigenen Handlungsmöglichkeiten in den permanenten gesellschaftlichen Konflikten aufzuspüren, das würde bedeuten, sich seine eigenen sozialen Qualitäten anzueignen und wäre damit Teil jener Zurücknahme des citoyen in den bourgeois.

Das Schwierige und Seltene: der revolutionäre Wille entzündet sich an Problemen des Alltags

Nun befinden wir uns freilich am Beginn des 21. Jahrhunderts in einer etwas anderen Situation als Marx damals im 19. Jahrhundert. Insbesondere deswegen, weil sich die Produktivkraftentwicklung in den kapitalistischen Zentren hin zur Ausdifferenzierung der Wissensarbeit und des Dienstleistungssektors verschoben hat, müssen hier die Probleme der Ideologie einen besonderen Stellenwert in der Gesellschaftskritik erhalten. Zudem hat der Verlauf des 20. Jahrhunderts gezeigt, dass das mörderische Potential von Ideologien uns dazu drängt, nicht nur von Produktionsbedingungen zu sprechen, sondern diese auch auf die Produktion von Ideologie zu beziehen. In dieser Beziehung ist der AGIL und der Autorin Eva Felidae dahingehend Recht zu geben, wenn sie Ideologiekritik forcieren und zuspitzen wollen. Ebenso bedarf es eines Maximalismus, der sich als Geste in beiden besprochenen Texten findet, der vor keiner Schranke Halt macht und der Alles will, anstatt sich mit Häppchen zufrieden zu geben. Doch auch in diesen Fragen müssen wir uns darüber bewusst werden, dass eine Erschütterung der Beziehung der Subjekte zu sich selbst und ein konkretes Streben nach dem Maximum keine reinen Gedankendinger sein können – ein solcher Bruch erfordert einen Bruch in der Praxis, wer alles will, der muss alles dafür tun. Wenn man aber die Redebeiträge und Texte der AGST (zu denen die AAI gehört) liest, bekommt man zum Teil den Eindruck, dass es hier weniger um eine Kritik der Zivilgesellschaft geht, die ja tatsächlich ganz und gar mit staatlichen und halbstaatlichen Institutionen verstrickt ist, sondern eher darum, die Angst davor loszuwerden, dass die eigenen hehren Ideale sich in einem praktischen Vollzug verunreinigen könnten. Weil es in Thüringen 2013 keine breiteren gesellschaftlichen Kämpfe gibt, äußert sich ein radikaler Anspruch in abstrakten Idealen und unverletzlichen Prinzipien.

1.600 Kilometer von Erfurt entfernt, haben einige spanische Anarchisten ihre Erfahrung reflektiert, welche Widersprüche auftreten können, wenn ein solch radikaler Anspruch mit plötzlich aufflammenden Riots konfrontiert wird, wie dies im Mai 2011 in Barcelona geschehen ist: „In Zeiten schwacher gesellschaftlicher Kämpfe ist es für auf unmittelbare Belange konzentrierte Anarchisten das einfachste, reformistische Sprache und Praktiken zu übernehmen und für Anarchisten, die sich revolutionären Praktiken verschrieben haben, ihre Aktionen in den Begriffen langfristiger Ideale auszuformulieren. Sobald eine größere Bandbreite von Menschen anfängt, wütender und entschiedener über ihre unmittelbaren Probleme zu reden, werden einige revolutionäre Anarchisten zum gegensätzlichen Pol springen und plötzlich über unmittelbare Probleme reden – und über kraftvolle, vielleicht sogar revolutionäre Lösungen – ohne ihre langfristigen Sehnsüchte und radikalen Analysen auszudrücken. Die anderen werden währenddessen die volkstümlichen Kämpfe verachten und sich weiter in Richtung rein anarchistische Projekte zurückziehen. Kompromisslose anarchistische Ideale mit der Komplexität unmittelbarer Probleme zusammenzuführen, ist die schwierigste Option und folglich die seltenste.“3

So weit entfernt die Situation in Katalonien, nicht nur geografisch, von der in Thüringen auch sein mag, so sehr erinnert die hier geschilderte Trennung innerhalb der spanischen anarchistischen Bewegung an die Trennungslinien innerhalb der Thüringer AktivistInnen: Während die einen im zivilgesellschaftlich-reformistischen Eventmanagement ihren möglicherweise radikalen Anspruch für sich behalten, werden die radikalen Imperative der anderen den Problemen des Alltags – zu denen die Konfrontation mit Nazigewalt auch gehört – nicht gerecht. Entgegen einer Aufspreizung radikaler Kritik in ihre theoretische Ausformulierung einerseits und ihrem Drängen zu revolutionärer Realpolitik andererseits, während erstere darin leer zu bleiben droht, wenn sie letzteres permanent von sich abspaltet, müssten sich revolutionärer Wille und der elende Vollzug des Alltagslebens aneinander entzünden. Wenn wir nun Praxisversuche der Linken vorfinden, die zurecht heftig kritisiert gehören, dann muss es zumindest einen Bezug auf eine bessere, radikalere Praxis geben. Wie diese Praxis aussehen kann, das ist kollektiv herauszufinden – dies erfordert aber, dass der kritische Kritiker seine Spekula-Warte verlässt und dahingeht, die verkehrte Trennung von „TheoretikerInnen“ auf der einen Seite und „PraktikerInnen“ auf der anderen aufzuheben4. In diesem Sinne schließe ich mit einem Zitat von Martin Dornis aus seinem etwas älteren, sehr lesenswerten Thesenpapier mit dem Titel „Antipolitik ist eine Möglichkeit“: Antipolitik „wendet sich entschieden dagegen, vor dem Hintergrund des ›Veränderns des kleinen eigenen Lebens‹ das ›große Ganze‹ zu vernachlässigen. Aber sie lehnt auch das Gegenteil davon ab: nur über die Gesellschaft und deren Zwänge zu reden, ohne sich selbst ändern zu wollen.“5

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1     Während ich an diesem Text geschrieben habe, ist mir zu Ohren gekommen, dass auf dem letzten Demo-Event, der Nachttanzdemo am 30.04 in Erfurt, der Redebeitrag von der AAI ausgebuht wurde. Das mag möglicherweise der oben beschriebenen Langeweile verschuldet sein, andererseits liegt es sicher nicht fern, anzunehmen, dass man sich einfach in seinen üblichen Abläufen nicht stören lassen wollte und den Redebeitrag der AAI eben als Störung empfunden hat. Deshalb ist es mir wichtig an dieser Stelle zu betonen, dass ich nicht in die Buh-Rufe einstimmen will, sondern mit diesem Text die Auseinandersetzung auf eine andere, inhaltliche Ebene tragen möchte.
2     „Die Feuerrose ist zurückgekehrt!“ Der Kampf um die Straßen von Barcelona, http://magazinredaktion.tk/barcelona.php
3     Dass die von mir skizzierte Trennung zwischen „TheoretikerInnen“ und „PraktikerInnen“ für die Auseinandersetzungen in Thüringen nicht aufgehen, zeigt sich daran, dass die Antifa Arnstadt-Ilmenau und die Antifaschistischen Gruppen Südthüringen (AGST) sich ja permanent in praktischen Auseinandersetzungen befinden und auf verdienstvolle Weise unermüdlich gegen den braunen Sumpf in Thüringen angehen. Hier zeigt sich meines Erachtens jedoch eine seltsame Diskrepanz zwischen ihrer Praxis einerseits und ihren Texten und Redebeiträgen andererseits – denn die Kritik, die hier vorgetragen wird, erscheint kaum als Kritik der eigenen Praxis, ergo als Selbstkritik. Aus Gesprächen mit einzelnen an der Vorbereitung der besprochenen Demo Beteiligten, kann ich sagen, dass diese Trennung hier zudem sehr stark wahrgenommen wird – was nicht zuletzt dafür spricht, dass die „PraktikerInnen“ beginnen sollten, auch von ihrer Warte her sich mit einer verkehrten Rollenteilung innerhalb der radikalen Linken auseinanderzusetzen.
4     http://www.streifzuege.org/2002/anti-politik-ist-eine-moeglichkeit

Hals-, Bein- und andere Brüche

Peter Gispert argumentiert für die Praxis gegen eine Strategie der Ohnmacht

„Es beginnt mit der Praxis“ erzählt Bini Adamczak am Anfang ihres hörenswerten Vortrags zur „Kritik der polysexuellen Ökonomie“. Weiter führt sie aus, dass die anzustellenden Überlegungen nicht einer Idee entstammen, sondern einer historischen Bewegung, einem historischen Ereignis1. Der Ausformulierung folgender Gedanken liegt das Ereignis der Veröffentlichung zweier Texte in der Broschüre „Stadt der Vielfalt“2 zu Grunde. Eva Felidae und die Antifa Arnstadt-Ilmenau schlagen dort beide vor, mittels linksradikaler und antifaschistischer Gesellschaftskritik einen Bruch im Menschen, als Subjekt dieser Gesellschaft, hervorzurufen, einen Bruch im Selbstverhältnis, der die eigene Verstricktheit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen reflektiert. Nur wenn das erkannt würde, kann der „Bann undurchschauter Vergesellschaftung und ihrer permanenten Gewalt“3 gelöst werden. Diese Sichtweise führt das dialektische Verhältnis von Theorie und Praxis ad absurdum und erklärt Theorie selbst zur Praxis, die diese niemals sein kann.

Über das Verhältnis von Theorie und Praxis streiten sich Gelehrte schon viele Jahrhunderte. In der wohl bekanntesten aller Marx‘scher Thesen über Feuerbach heißt es „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“4 und verdeutlicht damit, dass Widersprüche nicht nur erkannt sondern auch „[…] praktisch revolutioniert werden“5 müssen. In einer „[…] praktisch-kritischen Tätigkeit“6 verdichtet sich also der Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis. An anderer Stelle fordert er: „Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirk- lichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen.“7 Damit betont er nicht nur die Notwendigkeit gesellschaftliche Wirklichkeit theoretisch zu erfassen, sondern drängt auf eine Praxis, die in der Lage ist, diese einzureißen.

Genau diese Zusammenhänge zwischen Theorie und Praxis verkennen die Antifagruppe und Felidae. In einem ersten Schritt ihrer Analyse wird diese Gesellschaft und alle darin lebenden Menschen bis auf den letzten Millime- ter als kapitalistische Totalität beschrieben. Alles Tun und Handeln geschehe in kapitalistischen Formen. Jede Regung und jeder Versuch von Widerstand bleibe immanent im Kapitalismus verhaftet. Schlussfolgernd sei es demnach einzig erstrebenswert, dieses Gesellschaftssystem als ganzes abzuschaffen. In einem zweiten Schritt wird der Versuch unternommen, eine Überwindung dieser Gesellschaft denkbar zu machen: „In der kollektiven Erkenntnis dieses Imperativs [diese Gesellschaft, alle gewaltförmigen Verhältnisse abzuschaffen] wird er zugleich vollzogen und die Frage nach dem ‚Was tun?‘ obsolet“. Aus einer notwendig praktisch-kritischen Tätigkeit wird eine kritische Tätigkeit die ausreichen soll, den Kapitalismus abzuschaffen. Während also erstens die Gesellschaft einzig aus ihren Strukturen und Kategorien heraus erklärt wird, genügen zweitens „kollektive Erkenntnisse“ um diese zu überwinden. Beide Schritte halte ich für methodisch verkürzt. So sind es erstens nicht bloß die Strukturen, die alles Leben bestimmen, sondern ebenfalls unsere Handlungen, die die Strukturen immer wieder reproduzieren und die, bezogen auf den zweiten Schritt, praktisch revolutioniert werden müssen, um alle gewaltförmigen Verhältnisse tatsächlich abschaffen zu können. Kollektive Erkenntnisse reichen dazu nicht aus; die Frage nach dem „Was tun?“ wird niemals obsolet. Sie muss immer wieder neu gestellt werden. Theorie kann nicht die einzige Aufgabe der radikalen Linken sein. Um Kapitalismus abzuschaffen genügt es nicht, wenn wir alle ganz fest daran glauben, dass wir uns selbst nur Gewalt antun. Denn dabei wäre zu fragen, wie man die unzähligen Profiteure des Kapitalismus mit ihren Villen, Segeljachten, Diener_innen und sonstigen Vorteilen, aber auch die Verlierer_innen, die mit ihrer Situation trotzdem zufrieden sind, davon überzeugen will, dass sie sich eigentlich nur selbst schaden und ob nach-kapitalistische Gesellschaftsstrukturen nicht auch noch schlimmer als die jetzigen werden können, wenn es emanzipatorische Versuche, solche aufzubauen, nicht schon im Hier und Jetzt gibt.

Strategisch in die Ohnmacht

Die idealistische Wende beginnt aber nicht erst bei dem Versuch, den Kapitalismus mittels kollektiver Erkenntnis abzuschaffen, sondern bereits bei der Strategie, dorthin zu gelangen, nämlich über das Erzeugen von inneren Brüchen durch antifaschistische Kritik. Das Ziel sei durch Gesellschaftskritik einen inneren „Bruch bei möglichst vielen einzelnen herbeizuführen.“ Dieser Bruch besteht aus der Erkenntnis, ein Teil der kapitalistischen Totalität zu sein, die einem selbst und allen anderen permanent Gewalt antut. Die sich bei den Autor_innen daraus ergebende Konsequenz für politisches Handeln besteht in kompromisslosen Inhalten, Abgrenzungen und dem polemischen „Runtermachen“, wie es aus zahlreichen Debatten, Redebeiträgen und Flugschriften bekannt ist.

Dieser strategische Vorschlag ist anmaßend und selbstüberschätzend. Es sind nicht die linksradikalen Kritiker_innen, die individuell Brüche hervorrufen. Das schaffen die kapitalistischen Widersprüche von ganz allein. Wenn die ARGE die Auszahlung von Hartz 4 aufgrund von Nichtigkeiten verweigert und unklar ist, wie das Essen für den nächsten Tag bezahlt werden soll. Wenn die Studienbedingungen von Jahr zu Jahr schlechter und immer stärker an wirtschaftliche Interessen ausgerichtet werden. Wenn die Bullen wieder einmal die Nazis beschützen, dich und andere stundenlang in einen Polizeikessel sperren und mit ihren Schlagstöcken auf den eigenen Hals zielen. Oder wenn du dir beim hin- und her Rennen in deiner Selbstständigkeit, beim Versuch irgendwie den Lebensunterhalt zu bestreiten, die eigenen Beine brichst. Immer dann entstehen Brüche, die viel realer, und lebenswirklicher sind, als es schlaue Texte je sein könnten. Brüche entstehen, wenn der Kapitalismus mit den Interessen der Individuen kollidiert. Linksradikale Gesellschaftskritik kann dazu dienen, diese Brüche zu reflektieren und gesellschaftlich einzuordnen. Vielleicht schafft sie es sogar, die Brüche zu verstärken. Sie ist aber nicht dazu in der Lage, sie herzustellen. Genau darin liegt auch begründet, warum Abgrenzung, Diss und Polemik gegen vermeintliche Reformist_innen nicht zu dem gewünschten Erfolg – Reflektion, Selbstkritik und Radikalisierung – führen. Denn in den Individuen entsteht durch polemische Überheblichkeit kein Bruch, im Gegenteil wird die erfahrene Abgrenzung bloß erwidert.

Genauso wenig genügt Gesellschaftskritik allein, um ein Bewusstsein zu schaffen, das Kapitalismus nicht nur in Teilen verändern, sondern als ganzes abschaffen will. Dieses Bewusstsein entsteht nur durch ein Wechselspiel zwischen einer konkret- praktischen und einer kritisch- theoretischen Ebene. Anstatt von vorhandenen Brüchen ausgehend für ein besseres Leben zu kämpfen, diese Kämpfe immer wieder kritisch zu reflektieren und so gemeinsame Radi- kalisierungsprozesse zu fördern, soll ein bereits vorhandenes kommunistisches Bewusstsein die Grundlage für das Führen des „einzig richtigen“ Kampfes – dem Kampf ums Ganze – sein.8 Kapitalismus ist widersprüchlich, demnach sind es die in ihm lebenden Menschen auch. Durch infaches Abgrenzen von diesen Widersprüchen stellt man sich über sie und verlässt die Ebene einer konkreten Auseinandersetzung mit ihnen. Man stellt sich und die eigene Kritik selbst auf das Abstellgleis. Damit verlängert die radikale Linke „[…] nicht nur unfreiwillig ihre gesellschaftliche Ohnmacht, indem sie sich nicht politisch mit der schlechten Wirklichkeit auseinandersetzt, sondern verdammt sich selbst zum tugendhaften Ausharren im Schlechten.“9 Böse Zungen könnten an dieser Stelle behaupten, dass das auch irgendwie gewollt ist. Denn abgrenzende Polemik bringt den Hervorbringenden vor allem Identität, Sicherheit und Distinktion. Dem entgegen bleibt das Ziel der radikalen Linken, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“10, auch wenn man sich dafür die Hände schmutzig machen muss.

Wenn Bini Adamczak also recht hat und es mit der Praxis beginnt, muss eine radikale Linke, die den Kapitalismus als Ganzes abschaffen will, auch auf einer praktischen, politischen Ebene agieren. Damit ist nicht gemeint, auf jeden sich anbietenden Zug aufzuspringen. Aber an Stellen, wo es sich anbietet, gerne auch nach strategischen Entscheidungen, ermöglicht das Einbringen in konkrete Kämpfe die Chance, linksradikale Inhalte zu verbreiten. Das können Occupy und Blockupy genauso sein wie Aktionen gegen Naziaufmärsche, Studiengebühren und Hartz 4. Dabei bieten sich insbesondere Kämpfe an, die in Form und Inhalt unseren Vorstellungen am nächsten kommen. Wenn es gelingt verschiedene Kämpfe mit einander zu verbinden und eine Verknüpfung zwischen konkreter Politik und kategorialer Kritik herzustellen, dann gelingt es vielleicht auch, Kritik praktisch und Praxis kritisch werden zu lassen.

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1     http://audioarchiv.blogsport.de/2010/01/16/kritik-der-polysexuellen-oekonomie/
2     Arbeitsgruppe Vielfalt beim Bildungskollektiv Biko (Hrsg.): Stadt der Vielfalt? Rassismus, soziale Ausgrenzung und Nazigewalt in Erfurt. Die Broschüre gibt es kostenlos im Ladenprojekt „veto“, Papiermühlenweg 33 in Erfurt
3     alle nicht näher bezeichneten Zitate sind den Texten „Zur Notwendigkeit kategorialer Gesellschaftskritik“ der Antifa Arnstadt-Ilmenau und „Gedanken über das Verhältnis kategorialer Kritik und konkreter Politik“ von Eva Felidae aus der Broschüre „Stadt der Vielfalt?“ entnommen. Ich Unterscheide die beiden Texte hier nicht großartig da sie sich inhaltlich in dem was ich an ihnen kritisiere nicht sonderlich unterscheiden.
4     Karl Marx; Thesen über Feuerbach, MEW3, S. 533 ff
5     ebd.
6     ebd.
7     Karl Marx; Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 386
8     Gruppe 180°; Revolte ohne Wandel. Die Linke in der Dialektik von Theorie und Praxis, http://180grad.org/download/RoW.pdf
9     http://www.unwritten-future.org/index.php/text-von-der-kritik-der-praxis-zur-praxis-der-kritik/
10     Karl Marx; Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 385